Retrospektive

Gefilmt von 1961 bis 2005: "Die Kinder von Golzow"

Lexikon | aus FALTER 19/09 vom 06.05.2009

Zeitgleich mit der Berliner Mauer, im Spätsommer des Jahres 1961, nahm in Golzow, Bezirk Frankfurt/Oder, ein Filmprojekt des Defa-Studios für Dokumentarfilme seinen Anfang, das in die Geschichte des Kinos wie auch ins Buch der Rekorde einging: "Die Kinder von Golzow".

Die ursprüngliche Idee von Chefdramaturg Karl Gass und Regisseur Winfried Junge war die Chronik einer Schulklasse: 18 Schüler und Schülerinnen des Jahrgangs 1955 durch die neu eingeweihte Schule von Golzow zu begleiten. Daraus wurde schließlich eine Langzeitbeobachtung, die sich über einen Zeitraum von 45 Jahren, insgesamt 180 Stunden gedrehtes Material und exakt 20 Filme erstreckt.

Die ersten sechs und noch kurzen Filme dokumentieren den Weg der jungen Golzower von der ersten Klasse bis zum ersten Klassentreffen. 1979 folgte "Anmut sparet nicht noch Mühe", der erste lange Ensemblefilm und auch der erste, bei dem Junge seine Frau Barbara als Schnittmeisterin und Archivarin (und später Koregisseurin) zur Seite stand. "Lebensläufe", einer der schönsten Beiträge aus der ganzen Reihe, lief 1981 im Forum des jungen Films der Berlinale und verhalf dem Projekt auch zu internationaler Anerkennung.

Gewiss spricht es nicht gegen die Filmemacher, dass ihre Arbeit immer wieder, schon zu DDR-Zeiten, auf der Kippe stand. Nicht immer entsprachen die Idealvorstellungen, nach denen die jungen Golzower in den real existierenden Sozialismus hineinwachsen sollten, den Bildern und Tönen, die das Filmteam bei den Erkundungen ihres Alltags registrierte: was die Leute arbeiten, wie sie wohnen, was sie reden.

"Die Generation, die wir mit der Kamera begleitet haben, bietet mehr Verlierer- als Gewinnergeschichten", meint Winfried Junge. "Als die Wende kam, war sie Mitte 30, für viele war es schon zu spät, um neu zu beginnen." MO

Bis 22.6. im Metro-Kino. - Eröffnung am 6./7.5., 19.30, in Anwesenheit von Barbara und Winfried Junge und vier Kindern aus Golzow


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