Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Das schönste Gekrakel der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 20/09 vom 13.05.2009

Mit Mensch und Haus kommt er aus

Dass manche der Redaktionsräumlichkeiten des Falter seit der Zwischenkriegszeit nicht ausgemalt wurden, hat auch sein oder zumindest ein Gutes: Der Bleistiftanselm an der Wand der Tonkassettenausgabestelle ist erhalten geblieben. Ein Bleistiftanselm besteht aus dem Schriftzug "anselm", der sich selbst umkreist, sodass daraus ein Kopf wird (mit "anselm" als Augenlinie und einem simplen Strich als Mund).

Gleich ein doppelter Bleistiftanselm findet sich auf jenem Foto, mit dem der soeben bei Jung und Jung erschienene Text+Bild-Band "Schatten abtasten" schließt; darunter der Text: "Wenn mein Doppelgänger vor die Tür tritt, sitze ich schon im Schatten der Bäume, und er kommt von außerhalb gleichmäßig auf mich zu."

Anselm Glück (Jg. 1950) ist eine Doppelbegabung, ein Dichtermaler. Seine Texte und Bilder handeln auf ebenso elementare wie verspielte Weise vom In-der-Welt-Sein, was einerseits tautologisch, andererseits aber auch keine völlig sinnleere Behauptung ist. In seinem bildnerischen Werk findet Glück mit den Chiffren für Mensch und Haus fast das Auslangen (nehmen wir noch Baum und Tier hinzu, ist das Glück'sche Universum so gut wie komplett).

Glücks Texte ebenso wie seine Bilder sind von einer hintersinnigen, um nicht zu sagen: hinterfotzigen Schlichtheit. Sie irritieren, aber nicht durch das Hinterfragungs- und Zerschlagungspathos in die Jahre gekommener Avantgarden, sondern durch eine ausgeklügelte Naivität und ein Oszillieren zwischen Sinnstiftung und -vermeidung.

Die kunstvoll krakeligen und raffiniert naiven Bleistiftzeichnungen, die ein wenig wie die Light-Version Lassnig'scher Körpergefühlsmalerei daherkommen, führen das Drama des In-der-Welt-Seins besonders charmant vor: Hin- und hergerissen zwischen Weltumarmung und Rückzug, zwischen Auf- und Abtritt, stutzen und zögern diese Strichmännchen und wollen uns doch ihr Herz schenken. Da sagt man doch einfach mal: danke.


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