Das Stück zur Krise: Christoph Marthalers "Riesenbutzbach" bei den Wiener Festwochen

Feuilleton | aus FALTER 20/09 vom 13.05.2009

Theaterkritik: Wolfgang Kralicek

Riesenbutzbach muss man sich als eine Art Mausoleum der Gemütlichkeit vorstellen. Der tatsächlich riesige Raum, den Anna Viebrock für das neue Projekt von Christoph Marthaler entworfen hat, ist eine unwöhnliche Halle, die den strengen Charme eines Caritas-Möbellagers verströmt. Das Mobiliar stammt aus den 50er- bis 70er-Jahren, also aus besseren Zeiten. Auf den meisten Objekten klebt ein "Verkauft"-Zettel, später werden sie abtransportiert werden. Übrig bleiben die früheren Besitzer.

"Riesenbutzbach - Eine Dauerkolonie" ist Marthalers Kommentar zur Weltwirtschaftskrise. Der Abend ist härter, quälender, auch unlustiger als viele frühere Inszenierungen. Nur die Garage ist diesen gefallenen Spießern geblieben. Nicht weniger als drei Garagentore sind in das Bühnenbild integriert; dass zwei davon in den Innenraum führen, ist bei Marthaler/Viebrock erstens nichts Ungewöhnliches, und zweitens kann sich hier ohnedies keiner mehr ein Auto leisten. Das Mitleid hält sich in Grenzen. Silvia Fenz etwa - eine schöne Bereicherung des Marthaler-Ensembles - schildert in nasalem Schönbrunner Deutsch die Herkunft eines Nachtkasterls - und verrät nonchalant, dass es sich um "arisiertes" Gut handelte. Eine bittere, auch plakative Pointe.

Überhaupt wird vieles deutlicher ausgesprochen, als man das im Marthalertheater gewohnt ist. Viel stärker ist der Abend, wenn sich der Regisseur auf seine ureigenen Qualitäten beschränkt: die genaue Menschenbeobachtung, die Liebe zum szenischen Detail und die stupende Musikalität. Höhepunkt ist das lange Finale, wenn die Schauspieler in Jogginghosen und schlechtsitzenden Pullis wie Models wieder und wieder an die Rampe schreiten.

Der Catwalk der Verlierer ist ein wunderbar melancholisches und auch sehr komisches Bild, das mehr ausdrückt als vieles, was in den mehr als zwei vorangegangenen Stunden laut und deutlich gesagt wurde.

Bis 21.5. in der Filmstadt Wien


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