Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 20/09 vom 13.05.2009

Abschlussschwäche

Zu den positiven Seiten der modernen Zeiten gehört die Tatsache, dass die Zigarettenautomaten in den letzten Jahren deutlich besser geworden sind, es kommt kaum noch vor, dass Fünf-Euro-Scheine nicht angenommen werden, egal, wie zerknittert sie sind. Oder sind die Scheine einfach weniger zerknittert, weil die Menschen das Geld wieder stärker wertschätzen? Neben den Gastronomen sind auch die Menschen in den Ämtern eindeutig freundlicher geworden in letzter Zeit. Als Hort der friedlichen Gelassenheit sei hier nur die Führerscheinstelle der Bundespolizeidirektion Graz erwähnt. Oder auch das Finanzamt. Vor allem an ersterem Ort scheint eine gepflegte Plauderei das Ziel jedes Parteienverkehrs zu sein. Und weil Menschen unterschiedlichster Klassen-, Geschlechts- und Staatszugehörigkeit Führerscheine brauchen, sind die dort arbeitenden Damen in allen möglichen Feldern gut informiert und zögern nicht, dieses Wissen auch weiterzugeben. Zum Beispiel dass der Hanfanbau eine wichtige Säule der nationalsozialistischen Industrie war. Niemals war er auch nur annähernd so umfangreich wie unter Adolf. In den Zeiten des Wirtschaftswunders wurde diese Königin der Nutzpflanzen dann von synthetischen Materialien mit Namen wie "Perlon" oder "Nylon" verdrängt, einzig für den Bau von Rohren wurde sie wegen ihrer Saugkraft weiter eingesetzt. Die Frau von der Führerscheinstelle seufzt laut und geht dann mittagessen. Die Nummern ab H44 müssen morgen wiederkommen.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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