Theater Kritik

Drahtseilakt: Mit Kafka im Keller

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 20/09 vom 13.05.2009

Noch dreimal kann die aktuelle Drahtseilakt-Produktion "Der Direktorstellvertreter" bestaunt werden (am 14., 15. u. 16.5). Dann schließt auch das Kellerlokal in der Schiffgasse, das der Gruppe derzeit als Spielstätte dient. Der feuchtkalte Raum mit den frisch geweißelten Wänden, die etwas unbeholfen von der Decke baumelnden schwarzen Vorhänge, der harte Widerhall im Bühnenraum, das alles vermittelt Verwegenheit und Improvisationskunst.

Und so präsentiert sich auch die Vorstellung: Drahtseilakt-Autor Thorsten Zerha hat sich einer Figur aus Kafkas Roman "Der Prozess" angenommen, hat die Begegnung von K. mit dem Direktorstellvertreter aus dem monströsen Kafkakontext herausgeschält und weitergedacht, "fortgeschrieben", zu Ende erzählt. Der Fokus rückt dabei weg von Kafkas Protagonisten K., weg von der Nüchternheit, mit der Kafka seinen literarischen Alptraum protokolliert, und legt sich auf die tragikomischen Züge der Nebenfigur. Der Direktorstellvertreter stellt sich hier als allzu menschliche Karikatur vor, seine Rede ist absurder Auswuchs eines in erster Linie hierarchischen Systems.

Zerha hat auch die Zeitgebundenheit der Vorlage nicht unter den Tisch gekehrt, sondern mit Streifzügen in den Ersten Weltkrieg sogar verstärkt. Trotzdem gelingt im Verein mit Simon Windisch' klarem Regiekonzept ein seltsam zeitloser Abend. Zwischen kreativ hingerotzten Kartonkulissen (Ausstattung: Evi Lehner) proben Autor und Regisseur großes Kammerspiel. Da passt auch ihr ziemlich ambitionierter Solodarsteller Tobias Kerschbaumer, der sich auf der Bühne ein Dauerduell mit dem frechen Akkordeon von Bernd Kohlhofer liefert, wunderbar ins Bild.

Theater Drahtseilakt (Schiffgasse 6), noch am 14., 15., 16.5., 20.00


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