Kommentar

Auch dem Provokateur Norman Finkelstein gebührt Redefreiheit

Meinungsfreiheit

Falter & Meinung | Stefan Apfl | aus FALTER 21/09 vom 20.05.2009

Der amerikanische Politologe Norman Finkelstein ist ein umstrittener Mann. Der Autor des Buchs "Die Holocaust-Industrie" vertritt die provokante These, dass jüdische Organisationen den Holocaust liturgisieren und instrumentalisieren, um Kritik an Israels Politik zum Verstummen zu bringen. Richtig, sagen Rechte. Eine Relativierung des größten Menschheitsverbrechens, sagen seine vor allem jüdischen Kritiker.

Nun hätte Finkelstein an der Uni Wien einen Vortrag über den Palästinakonflikt halten sollen. Die Israelitische Kultusgemeinde und mit ihr befreundete Organisationen protestierten. Plötzlich hatte die Unileitung doch keinen Saal mehr frei. Warum ist das höchst bedenklich?

Finkelstein, dessen Familie unter dem Naziterror gelitten hat, ist ein umstrittener, aber anerkannter Historiker, der in Princeton und Harvard Vorträge hält. Weder relativiert er den Holocaust, noch verstößt er sonstwie gegen das Verbotsgesetz, wenn er eine proisraelitische Lobby für ihre Dogmatik pauschal, ja populistisch kritisiert. Dass Rechte solche Argumente dankbar aufgreifen, ist unangenehm, aber kein Grund zu schweigen.

Islamfunktionäre müssen sich zu Recht Kritik gefallen lassen, wenn sie unliebsame Vortragende (Stichworte: Schirrmacher, Broder) diffamieren und von Podien intervenieren. Ebenso wenig sollten die politischen Positionen jüdischer Funktionäre Maßstab für die Redefreiheit an heimischen Universitäten sein. Rede und Gegenrede, nicht Lobbying und Gegenlobbying, lautet das Prinzip von Öffentlichkeit. Wer meint, die Demokratie vor dem freien Wort retten zu müssen, schwächt sie und seine eigene Position - und gibt außerdem Finkelsteins provokanten Thesen Recht.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige