Kritik

Kunst und Architektur der Gesellschaft zuliebe

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 21/09 vom 20.05.2009

Tabubrüche, Gesellschaftskritik und Grenzerfahrungen sind wohl jene Schlagwörter, die mit der Kunst der 60er- und 70er-Jahre vorderhand verbunden sind. Vielen Kunstschaffenden dieser Zeit diente der eigene Körper als Ausgangsmaterial. Andere appellierten mit Aktionen und Installationen an die sinnliche Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit des Lebensraumes. "Mind Expanders. Performative Körper - utopische Architekturen um '68" im Mumok schließt Entwürfe und Modelle der utopischen Architekturavantgarde mit performativen Tendenzen kurz. Ein blauer, überdimensionaler Plexiglashelm über einer knallgelben Sitzschale gab dieser exzellenten Ausstellung ihren Titel. Der "Mind Expander" der Gruppe Haus-Rucker-Co soll durch blinkende Lichter und Geräusche eine virtuelle Welt simulieren, die weit über die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht. So also stellte man sich Virtual Reality Ende der 60er vor. Dass die Absage an den gesellschaftspolitischen Konservatismus der Nachkriegsjahre mit seinen geschlechts- und klassenspezifischen Rollenbildern von Querdenkern sämtlicher Genres vorangetrieben wurde, verdeutlichen die feministischen körperbezogenen Performances von Valie Export, Marina Abramovic und Carolee Schneemann ebenso wie die Materialschlachten der Wiener Aktionisten, die Sprachanalysen der Wiener Gruppe sowie die architektonischen Interventionen und Dekonstruktionen des großartigen Gordon Matta-Clark. Doch wie viel Raum braucht der Mensch zur Bewusstseinserweiterung tatsächlich? Dem New Yorker Vito Acconci genügt eine Kartonbox, die er über seinen Kopf stülpt und mit heftigem Husten füllt.

Mumok, bis 30.8.


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