Neu im Kino

Heilendes Familiendrama: "Rachels Hochzeit"

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 21/09 vom 20.05.2009

Jonathan Demme ("Something Wild") gehört zu den faszinierendsten Temperamenten im US-Kino der letzten drei Dekaden. Bloß: Von der Lebhaftigkeit und emotionalen Großzügigkeit, die Demmes frühe Ensemblekomödien auszeichneten, war zuletzt in seinen Dokus und Konzertfilmen mehr zu merken als in seinen sorgfältig-schwerfälligen Spielfilmarbeiten.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass Demme jetzt gerade über den Umweg fahriger Pseudo-Dokumentarismen an sein Frühwerk anschließt: Ein solides, konventionelles Familientragikomödien-Drehbuch (Jenny Lumet) wird in "Rachels Hochzeit" nicht direkt gegen den Strich inszeniert, aber doch so gründlich durchgelüftet, dass Charaktere, Situationen und Affekte sich ein schönes bisschen Uneindeutigkeit und Eigenleuchten bewahren. Der Charme von "Rachels Hochzeit" verdankt sich dabei weniger dem Dogma-Stil samt Wackelkamera als einem unbekümmert weltumarmenden Erzählgestus: Die Handlung um die Rehab-Patientin Kym (stark: Anne Hathaway), die während der liberal-gutbürgerlichen Multikulti-Hochzeit ihrer großen Schwester in alten Familienwunden stochert, wird immer wieder an den Rand gedrängt durch ausführliche Beobachtungen der Festivitäten selbst (auf der Feier tummeln sich nicht zuletzt viele alte Weggefährten und -gefährtinnen Demmes wie Reggaesängerin Sister Carol East oder Mentor Roger Corman).

Bei der Weltpremiere im vorigen Herbst wollte Demme den Film explizit als eine Parabel nationaler Heilung nach der Ära Bush verstanden wissen. Als Obama-Zeitbild wirkt "Rachels Hochzeit" inzwischen ambivalenter: ein Film auch über das hilflose Nebeneinander von überschäumender Zuversicht und anhaltenden Krisen.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Gartenbau)


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