Neu im Kino

Raffiniert geschichtet: "Sita Sings the Blues"

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 21/09 vom 20.05.2009

Who's That Knockin' At My Door?", singt Königsgattin Sita beschwingt, wenn ihr Heldengemahl Rama samt Affenarmee anrückt, um sie aus den Händen des zehnköpfigen Entführers Ravana zu befreien. In "Sita Sings the Blues" mischen sich die Zeitspuren: Das indische Nationalepos Ramayana wird mit Darbietungen der 20er-Jahre-Jazzsängerin Annette Hanshaw kurzgeschlossen, raffiniert geschichtete 2-D-Computeranimation lehnt sich in der Formgebung an Wandgemälden des 18. Jahrhunderts wie Cartoons der 30er an.

Mit ihrem quicklebendigen Langfilmdebüt hat die US-Comicautorin und -Animationsfilmerin Nina Paley allerdings mehr im Sinn als das ironische Überpinseln eines Mythenbestands. Die jahrtausendealte Geschichte Sitas, die von ihrem Gatten Rama zuerst befreit, dann verstoßen wird, verknüpft Paley mit ihrer eigenen: In knappen, ruckelnden Zeichentrickepisoden erzählt sie nebenher das abrupte Ende ihrer Ehe nach, das mit dem berufsbedingten Umzug ihres Mannes nach Indien begann.

Dass Mythen immer schon Gegenstand tagesaktueller Um- und Überschreibungen (und gerade deshalb wirkmächtig) sind, dafür hat Paley ein ziemlich witziges Sprech-Bild gefunden: Durch die Sagenhandlung führen drei Schattenpuppen (frei improvisiert von drei indischen Bekannten der Filmemacherin), die über die Details der Geschichte andauernd ins Debattieren geraten.

Weil für die Rechte der verwendeten Songs bei normaler Auswertung horrende Summen zu zahlen wären, hat Pailey ihren Film zur allgemeinen Verwendung freigegeben: Auf der Homepage www.sitasingstheblues.com ist er gratis herunterzuladen. Die detailverliebte Gestaltung lohnt trotzdem einen Kinobesuch.

Ab Fr im Top-Kino (OmU)


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