Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Das beste Medium der Welt der Woche


Klaus Nüchtern
Feuilleton | aus FALTER 22/09 vom 27.05.2009

Blättern unterm Blätterdach

Ooh! Wow!! Geiiill!!!" Es passiert nicht gerade oft, dass ich bewundernde Ausrufe aus der innovationsfetischistischen Gadgetologenecke ernte. Das Geohe und Gewowe verdankt sich dem Umstand, dass ich jetzt ein E-Book habe - das portable reader system PRS-505 von Sony. Der E-Reader (so der Rufname) ist ein bisschen breiter als ein Band der Bibliothek Suhrkamp, dafür im Rücken deutlich schmäler. Er passt in jede Herrenhandtasche, und in der haben dadurch ganze Bibliotheken Platz - angeblich bis zu 13.000 E-Books. Auch wochenlange Urlaube auf einsamen Inseln kann man jetzt also mit einem Lektüregewicht von 250 Gramm bestreiten. Zurzeit führe ich etwa eine Joseph-Roth-Werkausgabe und Clemens J. Setz' 700-Seiten-Schwarte "Die Frequenzen" (Residenz) spazieren, von der sich in der U-Bahn immer wieder bequem ein paar Seiten weglesen lassen.

Lieber als in der U-Bahn lese ich indes im Gastgarten, zu dem ich mit dem City-Comfort-Bike anreise. Auf dem Gepäckträger hat nicht nur eine Herrenhand-, sondern sogar eine Umhängetasche Platz, in die wiederum locker ein Feldstecher und die analoge Ausgabe der "Frequenzen" passen.

Es ist hier nicht der Platz, die literarischen Qualitäten des Buchs zu erörtern, aber als physisches Objekt ist es ein geiles Gerät: Von solider Schwere, liegt es sehr angenehm in der Hand, Satzspiegel und Papier, beide tadellos, garantieren leichte Lesbarkeit auch bei härtester Sonneneinstrahlung. Der grellgelbe, mit dem Lesebändchen korrespondierende Rand erinnert ein wenig an die poppinken Ausgaben der prächtigen Rowohlt-Reihe "das neue buch", anders ausgedrückt: Das Teil sieht einfach scharf aus!

Bleibt man im E-Book eigentlich immer auf Seite eins, so kann man im analogen Buch zügig Raumgewinn machen. Das Blättern evoziert Geräusche und Gerüche, die sich harmonisch ins Wispern des Zwergahorns fügen. "Nemma no ans?" "Aber immer!" Bier und Buch gehen gut zusammen. E-Reader ist eher Aperol-Spritzer.


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