Wie der Fuchs aus den slowenischen Wäldern die Psychoanalyse nach Afrika brachte

Feuilleton | aus FALTER 22/09 vom 27.05.2009

Nachruf: Julia Kospach

Er selbst hielt "durch Skepsis gemilderte Schlauheit" für seinen Hauptcharakterzug. Seine Frau Goldy, mit der er fast 60 Jahre in einer beneidenswert geglückten Liebesehe gelebt hatte, nannte ihn denn auch einen "Fuchs" (er nannte sie seine "Katze"). Paul Parin war ein vom Jagdfieber befallener Pazifist; ein intellektueller Pessimist mit optimistischem Temperament; ein heiterer Mensch voll unheiligem Zorn auf soziale Ungerechtigkeit.

1916 geboren, wuchs Parin im heutigen Slowenien als Sohn ungarisch-italienischer Eltern jüdischer Herkunft mit Schweizer Pass auf. Der Vater war ein kosmopolitischer Despot. Parin wird später berückende Erzählungen über die emotionale Enge dieser Aristokratenkindheit und deren räumliche Weite, den Fischfang, die Jagd und die Wälder, schreiben. Mit den Jugenderinnerungen "Untrügliche Zeichen von Veränderung" (1980) begründet er seinen literarischen Ruhm.

Parin studiert Medizin in Zagreb und im naziverseuchten Graz, kommt 1938 erstmals nach Zürich. 1944 schließt er sich als Arzt den Tito-Partisanen an. Wieder in der Schweiz, wird aus dem Chirurgen zunächst ein Neurologe, danach ein Psychoanalytiker und Mitbegründer des Zürcher Psychoanalytischen Seminars. Gemeinsam mit seiner Frau Goldy und Fritz Morgenthaler, Ärzte und Analytiker wie er, bricht er Mitte der 50er-Jahre zur ersten von acht langen Afrikareisen auf. Lässt sich Psychoanalyse auch in einer anderen Gesellschaft als der westlich-europäischen betreiben? Das Buch "Die Weißen denken zu viel" über die Dogon in Mali gab darauf die erste, bejahende Antwort. Es folgte "Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst" über die Agni der Elfenbeinküste. Die beiden ethnopsychoanalytischen Feldforschungsstudien machten Parin berühmt.

Dass Parins fesselnde Geschichten nun nicht mehr von ihm selbst bei einer Gitane erzählt werden, ist schwer zu glauben. Dafür haben sich Fuchs und Katze wieder. Vergangene Woche starb Parin, 93-jährig, in Zürich.


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