Doris Knecht

Let there be Rock, aber bissl lauter, bitte

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 22/09 vom 27.05.2009

Der Lange liegt mit dem kranken Mimi im Bett und zeigt ihm am Laptop AC/DC-Videos. Das Kind wirkt so glücklich, wie ich es von unseren Kindern, wenn sie ein AC/DC-Video sehen, erwarte, und will nun doch Gitarre lernen. Das ist gut; denn wenn sie im Herbst Gitarrenunterricht nehmen, muss ich nicht mehr mit dem schlechten Gewissen leben, dass ich meine Kinder vor allem zum Fußball und zum Judo schicke. Statt mich um die Förderung ihres musischen Talents zu kümmern, wie es gute, verantwortungsvolle Eltern tun würden, und zwar egal, ob in ihrem Kind ein musisches Talent verborgen liegt oder nicht. Und ich hätte ja gerne, dass die Mimis ein, zwei und dann vielleicht sieben Instrumente beherrschen, dass sie irgendwann virtuos Klavier oder in einem Orchester spielen können.

Aber damit sie irgendwann virtuos Klavier spielen können, müsste ich sie schon jetzt jeden Tag vom Spielen, Fußballen, Balgen und Herumdüsen abhalten und stattdessen mit ihnen das Instrument üben. Ich finde aber, dass siebenjährige Kinder ihre Nachmittage lieber mit Herumgespiele und sozialer Interaktion verbringen sollen als mit konzentriertem Lernen und Üben, nur führt es halt wahrscheinlich dazu, dass sie keine Konzertpianisten werden. Allerdings können sie sich von ihrem Vater abschauen, dass es komplett unnötig ist, ein Instrument zu beherrschen oder auch nur singen zu können, um Frontman einer Band zu werden und wiederholt Tonträger zu veröffentlichen; ja, dass zu große Kunstfertigkeit am Instrument im Gegenteil den Geist des Rock 'n' Roll übel kontaminiert, wie der Lange gerne predigt.

Oder hat man am Konservatorium je die Hells Bells erklingen hören? Eben. Es hat alles zwei Seiten.

Weil ich gerade die Zahl Sieben erwähnte. Es naht das Wiegenfest der Mimis, und was ist? Am Tag der Feierlichkeiten, die dieses Jahr in einem Freibad stattfinden sollen, ist mit schweren Stürmen und Temperaturen unter 20 Grad zu rechnen. Das heißt, dass ich in der Wohnung Platz für circa 22 Kinder plus ihre Erziehungsberechtigten schaffen muss. Wobei, das geht alles noch, richtig schwierig wird es dann, den heiteren und gelassenen Eindruck zu erwecken, den man von einer alltagsgestählten Mutter während der Party ihrer eh nur zwei Kinder erwartet, und leider sollte sie dabei nicht lallen. Und nicht mit ihrem Lebensgefährten streiten, was sich im Kinderpartystress gerne aufdrängt, wenn der Lange schließlich findet, er habe nun genug geschuftet, sich auf seine Kernkompetenz besinnt und mit den anderen Vätern beim Bier lustig plaudert.

Die Eltern, die uns davor noch nicht gekannt haben, werden am Heimweg finden, dass der Vater ein heiterer und gelassener Kerl ist, aber die Mutter stresst leider entsetzlich, und hat die nicht gelallt? Die hat doch gelallt! I'm direkt on the highway to hell, aber das ist jetzt auch nichts Neues.


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