Fragen Sie Frau Andrea

Kolumnen | aus FALTER 22/09 vom 27.05.2009

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Der Jubelperser ist böse und die Polizei ist blind

Verehrte Frau Andrea,

ich habe vor kurzem als Erklärung für das Wort "Jubelperser" gehört, dass die persische Botschaft regimefreundliche Studenten abgeordnet hat, um dem Schah bei seinem Berlinbesuch 1967 zuzujubeln - als Kontrast zu den angekündigten Protesten. Gibt es ältere Erscheinungsformen der "Jubelperser"?

Mit besten Grüßen, Sebastian Toifl, 1150 Wien, per Elektropost

Lieber Sebastian,

"Jubelperser" ist ein Terminus der späten 60er-Jahre. Der in Europa geläufige Ausdruck Perser für die Einwohner des Iran geht auf das Parsa der Achämeniden zurück, die im 6. Jahrhundert v. Chr. das erste persische Großreich schufen.

Das Jubeln kommt aus dem Lateinischen von iubilum, dem Freudenruf der Hirten und Jäger. Nach dem mosaischen Gesetz war jedes 50. Jahr ein Jubeljahr. Jubela, Jubelo, Jubelum wiederum hießen die drei Steinmetzgesellen, die nach freimaurerischer Legende Hiram Abif, den Erbauer des Salomonischen Tempels, ermordeten, weil er ihnen das geheime Meisterwort nicht geben wollte.

Ein Artikel über "Die Jubelperser" in der Zeit, datiert vom 30. Juni 1967, beleuchtet die Vorgänge, die zu den radikalen Studentenprotesten in Westberlin und der BRD führen sollten. Am 2. Juni besuchte der Schah Westberlin für einen Tag. Bei seiner Ankunft demonstrierten rund 400 Schahgegner, riefen "Mörder, Mörder" und forderten Amnestie für politische Gefangene. Sie trafen auf etwa 100 Schahanhänger, darunter Agenten des iranischen Geheimdienstes Savak.

Nach dem Eintritt des Schahs in das Schöneberger Rathaus griffen diese Jubelperser die Gegendemonstranten mit Holzlatten, Schlagstöcken und Stahlrohren an. Die Polizei griff bei der blutigen Prügelei nicht ein.

Am Abend, anlässlich einer Galaaufführung der "Zauberflöte" in der Deutschen Oper zu Ehren des Schah-Ehepaars, spitzte sich die Gewalt weiter zu.

Es fiel ein Schuss, der den 26-jährigen Studenten Benno Ohnesorg aus etwa eineinhalb Metern in den Hinterkopf traf. Die Tat von Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras führte zu einer Ausbreitung und Radikalisierung der Studentenbewegung. Dass der Todesschütze in Diensten der Stasi stand, war damals nicht bekannt.


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