Neu im Kino

Tödliche Liebe: "La Frontière de L'Aube"

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 22/09 vom 27.05.2009

Die Pioniere des Kinos und der Psychoanalyse könnten dem jungen Fotografen François (Louis Garrel) über die Schulter sehen, wenn dieser vor dem Spiegel steht und eine tote Frau (Laura Smet) erblickt. Er solle doch zu ihr kommen, bittet sie, nach dem Freitod ein Gespenst im weißen Nachtkleid, den Verzweifelten. Er hat ihre Briefe nicht mehr beantwortet, fühlt sich schuldig und ist es auch. Und weil das so ist, beschließt Philippe Garrel diese Szene in seinem jüngsten Film "La Frontière de L'Aube" mit einer Abblende und einem kleinen Stück Schwarzfilm - gerade so, als ob mit Louis Lumière das Kino und mit Sigmund Freud die inneren Gebote gerade erst erfunden worden wären.

"La Frontière de L'Aube" handelt von einer Liebe, die so groß ist, dass man sie im Kino dieser Tage eigentlich gar nicht mehr erzählen kann, jedenfalls nicht mehr allen Ernstes, es sei denn, man betrachtet die Liebe mit den Augen Garrels, in dessen Filmen es schon immer um das ging, was nicht gesagt werden kann. Hier sieht man weiße Wände in einem Krankenhaus und blanke Metallrahmen von Betten, das Ergebnis einer tödlich endenden Amour fou, die zu groß ist für die Welt der Lebenden.

Die Dämmerung, auf die sich der Titel bezieht, ist natürlich symbolisch zu verstehen; sie ist das Erwachen, die Bewusstwerdung. François solle ihr folgen, meint Carole hinter dem Spiegel, nicht um zu büßen, sondern um zu beweisen, dass er sie geliebt habe. Das ist im Kino mittlerweile so verstörend altmodisch wie selten, und es ist ein kleines Wunder und großer Verdienst, dass Filme wie dieser noch regulär ins Kino kommen. Man muss diesen Film gesehen haben, um nicht mehr zu zweifeln.

Ab Fr im Stadtkino (OmU)


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