Kunst Kritik

Schön ist so ein Ringelspiel

Steiermark | Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 24/09 vom 10.06.2009

Der Mensch will auch unterhalten werden. Als Joseph II. den Wiener Prater 1766 zur allgemeinen Benutzung freigab, dauerte es entsprechend kurze Zeit, bis dort allerlei Schaukeln und Ringelspiele lockten, dem tristen Alltag zu entfliehen, die Welt einmal auf den Kopf zu stellen. Vergnügungsparks gehören längst zum Standardrepertoire solider Freizeitgestaltung, schon weil sie Schwindelerregung bei vertretbarem Risiko versprechen können.

Dazu würde freilich auch ein künstlerisch inspirierter Blick auf die Welt als solche reichen, wie Wendelin Pressls Ausstellung "Luna Park" im Studio der Neuen Galerie deutlichmacht. Pressl hält sich nicht bei allzu gewollten Verkünstelungen auf. Die Dinge fast wörtlich zu nehmen reicht ihm, um zu denkbar sensationellen Ergebnissen zu kommen. Also dreht sich ein Souvenirtellerchen aus Effelsberg, wo das weltweit größte Radioteleskop steht, als würde es selbst das All abtasten. Oder es dreht sich gar der Erdball um ein Windrad, das vermeintlich stillsteht. Die Darstellungen von Google Earth verzerren ebenfalls, sind nur ausreichend große Objekte ins Visier genommen, wie etwa Wolkenkratzer, die dann schräg aus dem Boden ragen, wie Pressl im Modell veranschaulicht.

Seine Attraktionen gewinnt er aus leisen Verschiebungen. Die Kreuzigungsgruppe "der Lieb' Herr" ist ein um 90 Grad gedrehter Baukran, Breughels "Turmbau zu Babel" ist ein Readymade-Puzzle. Karin Buol-Wischenau hat die Werke in ein vielschichtiges Beziehungsnetz gestellt, das für Assoziationsketten und thematische Verdrehungen vergnüglichster Art sorgt. Die wahren Abenteuer finden eben nicht im Prater statt.

Neue Galerie, Studio, bis 26. 7.


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