Kraliceks Festwochentagebuch

(4) Notizen eines Festwochenbesuchers auf der Suche nach dem Theaterglück

Feuilleton | aus FALTER 24/09 vom 10.06.2009

Wolfgang Kralicek besucht fast jede Vorstellung der Wiener Festwochen

Man kann doch nicht immer nur heulen

Montag, 1. Juni: Liebes Tagebuch! Heute hat mich das Theater zu Tränen gerührt. Gespielt wurde Tschechows "Onkel Wanja" in der wunderbaren Inszenierung von Jürgen Gosch, dem großen alten Mann des deutschen Theaters. In der Szene, die ich meine, schließen zwei Frauen Freundschaft, obwohl beide unglücklich in denselben Mann verliebt sind: die hässliche Sonja und die schöne Elena. Unter Frauen ist so etwas dermaßen unwahrscheinlich, dass mich die Szene immer wieder kalt erwischt. In diesem Fall kommt aber noch hinzu, dass Sonja von einer Schauspielerin gespielt wird, die auch im großartigen Ensemble dieser Aufführung des Deutschen Theaters aus Berlin noch positiv auffällt; die Natürlichkeit, die Wärme und die Klarheit von Meike Drostes Spiel sind umwerfend. In Wirklichkeit ist sie - wie die meisten Sonja-Darstellerinnen - gar nicht hässlich; aber wenn sie auf der Bühne behauptet,


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige