Fragen Sie Frau Andrea

Kolumnen | aus FALTER 24/09 vom 10.06.2009

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Mitteilungen von der Teilefront

Carissima Comandantina!

Auf meine alten Tage werd ich noch zum Leserbriefschreiber, aber der Druck ist so groß, es muss sein: Auch im "Falter" lese ich hin und wieder, wenn vom Teil die Rede ist, dass dieser sächlich angesehen wird, also dass es immer "das Teil" heißt und nicht, wie ich bis jetzt dachte "der Teil". Können Sie helfen, dieses Dilemma zu lösen?

Das hofft Konrad Holzer, Wien, per Elektropost

Lieber Konrad,

die zahlenmäßig größte ethnische Minorität des Landes sind die Deutschen. Ihr sprachlicher Einfluss ist auch im Falter nicht ohne Einfluss geblieben. Kolleginnen und Kollegen von jenseits des Weißwurstäquators schreiben in der alemannisch-wienerischen Stadtzeitung mittlerweile ganz, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Der von Ihnen als Dilemma empfundene Artikel-Dimorphismus der Wörtlichkeit "Teil" ist ein beredtes Beispiel für die sprachzersetzende Kraft unserer bundesdeutschen Mitbürger. Der Duden macht sich hier als Referenz insofern aus dem Staub, als er "Teil" beide Artikel, den männlichen wie den sächlichen, zugesteht. "Der Teil" sei "etwas, was mit anderem zusammen ein Ganzes ist". Landesteile, Körperteile, Wrackteile. "Das Teil" hingegen ist, so der Duden, "etwas, was jemand von einem Ganzen hat". Aha. Ein lose am Gehsteig liegendes Glumpert bezeichnen unsere deutschen Mitbürger ohne mit der Wimper zu zucken als Teil. Ganz so, als wüssten sie jederzeit, von welchem Ganzen ein vereinsamter Fund jeweils "das Teil" sei.

Hier tun sich Erklärungen für die philosophische Kraft der Deutschen auf. Sprecher österreichischer Idiome stehen da traditionell auf der Seife. Die Korrosion der Männlichkeit von "Teil" ist hierzulande indes schon weit fortgeschritten. Perfide Synchronisationen US-amerikanischer Serien, Arbeitslosenfernsehen und sozialpornografische Talkshows überschwemmen den österreichischen Teilemarkt.

Noch wehren wir uns, und sei es mit Leserbriefen. Aber sind wir nicht längst Teil der bundesdeutschen Verschwörung geworden, sagen "das Urteil", "das Oberteil" und "das Gegenteil"? In diesem Sinne: Divide et impera!


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