Enthusiasmuskolumne

Diesmal: der beste Song der Welt der Woche

Feuilleton | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 25/09 vom 17.06.2009

Der Song, der zwei Songs ist

Den besten Song der Welt der Woche habe ich aus dem Mistkübel der Musikredaktion gefischt. Okay, das ist jetzt nicht ganz wörtlich zu verstehen, aber der Song befand sich auf einer jener Promo-CDs, die ich hin und wieder von den Kollegen aus dem Popressort zugesteckt bekomme. Subtext: "Wir vom Fach können damit nichts anfangen, aber für dich könnt's was sein."

Auf diese Weise landete das neue Album des amerikanischen Singer/Songwriters Cass McCombs bei mir, und man muss zur Ehrenrettung der Fachleute sagen, dass "Catacombs" zunächst wie eines von vielen Songwriteralben klingt. Sparsame, gitarrenlastige Arrangements, melancholische Grundstimmung, nichts Neues. Unklar ist mir allerdings, wie man dem umwerfenden Charme des ersten Songs widerstehen kann. "Du bist nicht meine Traumfrau", heißt es da im Refrain. "Du bist nicht meine Wirklichkeitsfrau. Du bist meine Der-Traum-wurde-Wirklichkeit-Frau!"

Ist das nicht schön gesagt? Aber der beste Song der Welt der Woche kommt erst. Es ist ein brüchiger, filigraner Song, in dem der Erzähler mit großer Zärtlichkeit und piepsiger Kopfstimme ein Loblied auf den Beruf singt. "Manche Leute arbeiten nur, damit sie ihre Rechnungen bezahlen können. Das könnte ich nicht. Ich brauche Gefühle!" Ein Lied für alle, die ihren Beruf noch lieben - hat es das schon einmal gegeben? Ich war auf Anhieb begeistert. Erst dann sah ich nach, wie das Stück heißt - und schluckte: Ich hatte gerade "The Executioner's Song" gehört. Der Mann, der da aus tiefstem Herzen "I love my job!" japst, ist ein Henker!

Der Song ist also eigentlich zwei Songs. Ohne Titel hört man das ergreifende Liebeslied des glücklichen Arbeitnehmers, mit Titel die gruselige Ballade eines Psychopathen. Wobei die Synthese wohl lautet: Jeder, der seinen Job so liebt wie dieser Scharfrichter, ist ein Psycho.

Liebe Kollegen: Wenn wieder einmal eine CD von Cass McCombs in der Post ist - in den Mistkübel damit!


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