Theater gibt es nicht: zum Tod des radikal gelassenen Regisseurs Jürgen Gosch

Feuilleton | aus FALTER 25/09 vom 17.06.2009

Nachruf: Wolfgang Kralicek

Jürgen Gosch war ein radikaler Theaterregisseur. In seinen Inszenierungen hat er irgendwann alles weggelassen, was nicht unbedingt nötig ist. Zum Beispiel war es nur konsequent, wenn er die Schauspieler nackt spielen ließ: Der bloße Körper als radikalstes Kostüm. Aber auch wenn die Schauspieler Kostüme trugen, wirkten sie bei Gosch nackter - im Sinne von: intensiver, wahrhaftiger, lebendiger - als in anderen Aufführungen. Die Flüchtigkeit der Kunstform Theater, die nur im Moment existiert, war ihm heilig. "Theater gibt es nicht", sagte Gosch. Die Weisheit, die in diesem paradoxen Bonmot steckt, war das Wesen seiner Arbeit.

Wer bei den Festwochen unlängst Goschs Berliner Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja" gesehen hat, wird sich vielleicht fragen, warum Theater nicht öfter so zwingend, so spannend und so bewegend ist. Es sieht so einfach aus: Man nimmt ein paar tolle Schauspieler und lässt sie aufeinander los. Aber natürlich täuscht das: Schwerelosigkeit ist die schwerste Übung. Auch Jürgen Gosch brauchte fast ein ganzes Leben lang, um jene Gelassenheit zu erlangen, von der sein Spätwerk geprägt ist.

Der in der DDR unliebsam gewordene Gosch war 1978 nach Westdeutschland übersiedelt, wo er schnell Karriere machte. Als er 1988 in die Leitung der Berliner Schaubühne berufen wurde, war das Höhepunkt und Karriereknick zugleich: Gosch blieb nur ein Jahr; danach gelang ihm jahrelang nicht viel. Man hatte den Regisseur schon abgeschrieben, ehe er vor fünf, sechs Jahren auf einmal wieder da war, stärker denn je - eines der erstaunlichsten Comebacks der modernen Theatergeschichte.

Seit einem Jahr wusste man, dass Jürgen Gosch Krebs hat. Er rang der Krankheit noch einige Inszenierungen ab, den am Burgtheater geplanten "Faust" aber musste er absagen. Nicht stattfinden wird nun auch die "Bakchen"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen, an der Gosch bis zuletzt gearbeitet hat.


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