Doris Knecht

Wir haben uns doch ganz gut gehalten

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 25/09 vom 17.06.2009

Beispiele für nicht so gelungenes Marketing: a) "Im Keller hat es schon wieder SO große Spinnen", b) "Das geht sich super aus, es müssen nur 3000 von deinen Platten aussi."

Beispiele für gelungenes Marketing: a) die aktuelle Gogo-Hysterie unter Kindern beiderlei Geschlechts: Das Glumpert ist in ganz Wien ausverkauft, b) die Präsentation der neuen Ernst-Molden-CD "Ohne di" (Monkey), unter einem Nussbaum, in einem rosenberankten Weinviertler Hof, an einem lauen Sonntagnachmittag, bei Bier, Wein und Kuttelsuppe; Kinder erwünscht.

So macht man das. So holt man uns alte Säcke ab. Solche Nachmittage versöhnen uns doch sehr mit dem Älterwerden. Lauter Leute da, mit denen man einst in unterschiedlicher Intensität jung war und denen die Zeit mehr oder weniger zusetzt, und es ist gerade was? Wuascht ist es: Schau uns an, es geht uns doch ganz gut. Wir haben uns doch gar nicht schlecht gehalten. Wir sind immer noch beieinander. Der Schmäh rennt wie früher. Unsere Kinder, so wir welche haben, sind uns doch prächtig gelungen. Und die Musik vermag noch immer unsere Herzen zu rühren.

Das Molden-Konzert ermöglicht mir zudem ein Privatmarketing im Familienkreis: Denn anhaltend bohrt in mir das schlechte Gewissen, dass es meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld ist, wenn meine Kinder dereinst zig Computergames spielen können und null Instrumente, weil ich mich genau jetzt darum kümmern sollte, dass sie endlich eine anständige musikalische Ausbildung erhalten. Gut, das eine Kind bläst mit verhaltener Begeisterung Flöte, aber nun müsste einmal ein richtiges Instrument ins Auge gefasst werden. Geige, Klavier oder Gitarre, das ist hier die Frage, und natürlich ist es falsch, diese Entscheidung auf pragmatischer Basis zu treffen, aber: Ein geigeübendes Kind hält schon keiner aus, und ich hab zwei, außerdem interessiert es sie nicht. Klavier dagegen schon, und wir würden in dieser Wohnung auch noch ein Piano unterbringen, wenn der Lange nur etwa 3000 Langspielplatten daraus verschwinden lässt. Bleibt also Gitarre, was für ein Kind im Moment ein maximal semiattraktives Instrument ist, weil man nicht draufhauen und damit unmittelbar Lärm erzeugen kann.

Es ist also gut, wenn der Molden mit seiner Gitarre und dem Resetarits und dem Soyka Musik macht, die nicht nur die Herzen der Alten rührt: "Vü föd ned und i waan", um es in Moldens genialer Übersetzung eines Hank-Williams-Songs zu sagen. Sondern auch die Kinder am Boden vor der ersten Reihe praktisch annagelt. Boah. Ja, schön. Die Mimis sehen ja nie Konzerte; weil wir sie schlecht um neun in die Arena mitnehmen können oder um zehn ins Chelsea oder um zwölf ins Flex, um sie an die Schönheit des Live-Gitarrespiels am Beispiel von Sonic Youth oder Reverend Peyton oder Kreisky heranzuführen. Aber am frühen Abend unter den Nussbaum: Passt. Gitarre lernen jetzt auch.


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