Fragen Sie Frau Andrea

Nach männlichem Samen riechende Bäume

Kolumnen | aus FALTER 25/09 vom 17.06.2009

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

es ist wieder so weit: Wie immer um diese Jahreszeit hängt in den Straßen Wiens ein schwerer Duft. Ich vermute, das Odeur stammt von den Blüten eines heimischen Baums. Das Besondere dieses Buketts: Es erinnert mich fatal an den Geruch des Ejakulats von Homo sapiens. Dies ist je nach Stimmung und Hormonlage ekelig bis anregend. Ich bitte um Aufklärung, welcher Baum die frühsommerliche Irritierung meiner Nase verursacht!

Mit besten Grüßen,

Elfriede W., per Elektropost

Liebe Elfriede,

die von Ihnen beschriebene Olfaktion ist auch aus anderen Großstädten bekannt. Kathrin Passig beschrieb den irritierenden Geruch 2002 in ihrer taz-Internetkolumne. Als Urheber des Geruchserlebnisses machte sie irrigerweise die Manna-Esche aus.

In einer anderen großen Stadt war man schon Jahre davor vom öffentlich wahrgenommenen Geruch männlichen Ejakulats stark irritiert und begab sich auf die Suche nach den botanischen Stinkern. Die Enträtselung des urbanen Mythos von den "Sperm Trees of Los Angeles" verkomplizierte sich mit der Schwierigkeit, die flüchtigen und jahreszeitlich exklusiven Düfte bestimmten Baumarten zuzuordnen.

Ernstgenommene Kandidaten waren bis zur eindeutigen botanischen Bestimmung des wahren Übeltäters der Karob- oder Johannisbrotbaum, der ovalblättrige Liguster und die Edelkastanie. Für die Wiener Geruchserlebnisse wurden bisher die spermienproduzierenden Blüten der Esskastanie und der Berberitze verantwortlich gemacht.

Auch an frischgemähtes Gras und frühmorgendliche Balkon-Handerleichterung alleinstehender Männer als olfaktorische Urheber durfte gedacht werden. Der aussichtsreichste Spermageruchskandidat in den geschilderten Großstädten ist aber mit großer Wahrscheinlichkeit Ailanthus altissima, der Götterbaum.

Der fiederblättrige Exot gilt als der am schnellsten wachsende Baum in Europa und steht mittlerweile in fast jedem Wiener und Berliner Hinterhof. Er blüht im Frühsommer. Für den in Wien als "Tschuri-Fäula" bekannten Geruch sind ausschließlich die männlichen Blüten verantwortlich. Bienen hingegen lieben den Götterbaum vorbehaltlos. Sein Honig ist trotz seines Geruchs äußerst wohlschmeckend.


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