Kritik

Auch das ist Europa

Lexikon | aus FALTER 25/09 vom 17.06.2009

Mit beeindruckender Nähe zum Geschehen machte die Fotokünstlerin Anjeza Cikopano vor ein paar Jahren auf die furchtbaren Lebensumstände der Romabevölkerung in Albanien aufmerksam. Selbst 1979 in Tirana geboren, ist die Fotografie für sie seit 2003 das adäquate Medium, um die sozialen Missstände ihres Heimatlandes berührend ins Bild zu setzen. Albanien zählt zu den ärmsten Ländern Europas. 500 Jahre osmanische Herrschaft sowie jahrzehntelange kommunistische Diktatur haben diesen Staat geprägt. Unterschiedlichste Kulturen und Religionen, mittelalterliche und moderne Gesellschaftsstrukturen prallen hier aufeinander.

Der Kanun, das mündlich überlieferte Rechtssystem der Albaner, bildet den Ausgangspunkt für Cikopanos aktuelle Dokumentation mit dem Titel "Brot, Salz und Herz". Blutrache und die Beschneidung der Rechte der Frauen in allen erdenklichen Facetten bilden die Grundlage dieses Gewohnheitsrechts aus vorrömischer Zeit, das vor allem in den nördlichen Bergregionen Albaniens noch tiefverwurzelt ist. Den Frauen dieser Gegend setzt Cikopano nun ein einfühlsames wie würdevolles Porträt. Frauen, die als Männer leben, um der ehelichen Unterdrückung und Gewalt zu entgehen. Frauen, die lebenslange Haftstrafen abbüßen, da Mord für sie der einzige Ausweg aus dem Alltag war.

Ganz ohne moralischen Fingerzeig kommen diese Fotografien aus. Dass sie sozialkritisch motiviert sind, ist dennoch unübersehbar. Im April dieses Jahres hat Albanien seine Aufnahme in die EU beantragt. Wie viel Unterstützung das Land auf dem Weg dorthin noch braucht, wird nicht zuletzt durch Bilder wie diese deutlich. MJ

Startgalerie im Musa, bis 9.7.


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