Theater Kritik

"Spieltrieb": Jugend ohne Moral

Steiermark | Anja Reiter | aus FALTER 25/09 vom 17.06.2009

Der Diaprojektor surrt. Das Licht verdüstert sich. Szenenwechsel. Es sind die harten und schnellen Schnitte, die bei der rasanten Bühnenfassung des Romans "Spieltrieb" von Juli Zeh in Erinnerung bleiben. Spotartig wirft Regisseurin Esther Muschol Blitzlichter auf die trostlosen Schauplätze des Geschehens: Die 15-jährige, hochintelligente Ada (Evelyn Ruzicka) ist gelangweilt vom Leben. Die Sinnsuche hat sie längst aufgegeben, Moral und Ethik sind für Ada bloß beliebige Übereinkommen. Auch Adas neuer Mitschüler Alev (Johannes Hoffmann) kann dem Sein keinen Ernst abgewinnen. Das Leben ist für ihn ein einziges Spiel, Alev selbst stellt die Regeln auf: Das willkürlich gewählte Opfer der beiden "Pseudonihilisten" ist der arglose Deutschlehrer Smutek (Helmut Pucher) .

Schon in ihrem Roman übt Juli Zeh hemmungslos Kritik an unserer desorientierten Gesellschaft. In der gestrafften Bühnenfassung von Bernhard Studlar ist die Überladenheit noch stärker zu spüren. Thomas Mann, Robert Musil, Fjodor Dostojewski - Juli Zeh zitiert aus der Weltliteratur. Der Generationenkonflikt verzahnt sich mit dem Konflikt zwischen Weltanschauungen, Lebenseinstellungen, politischen Systemen, Kulturen und Ideologien. An manchen Stellen gelingt die Projektion der großen Verwirrungen der Welt auf den kleinen Mikrokosmos Schule, allzu oft wirkt der Versuch allerdings zu bemüht.

Esther Muschols Inszenierung setzt auf Musik und atmosphärische Diaprojektionen. So entstehen intensive Verdichtungen: Etwa, wenn Ada beim Joggen immer wieder ekstatisch die Worte "to shoot, to kill, to protect" wiederholt. Nach zweieinhalb Stunden bleiben einige starke Bilder hängen und viele Gedankensplitter über Macht, Anarchie und Abhängigkeit.

Next Liberty, Fr 19.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige