Doris Knecht

Ach, keine Angst, der bellt nur gern

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 26/09 vom 24.06.2009

Die 85-jährige Nachbarin aus dem ersten Stock fragt mich, ob sie dem Langen etwas getan hat. Oder ob der Lange sie leicht nicht mag. Nicht dass ich wüsste. Weil immer, sagt die Nachbarin, grüßt sie den Langen freundlich und immer brummt der nur unfreundlich zurück.

Ah ja. Kenn ich schon. Schon wieder nichts Neues in meinem Leben. Der meint das gar nicht so, erkläre ich der Nachbarin, der ist einfach so, der kann nicht anders, das Grummelige liegt dem in der Natur. Wenn der ganz normal aufgelegt ist, wirkt das auf andere so, als sei er auf dem Weg zu einer Bluttat, und wenn er glücklich ist, erkennt man das an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Und das Brummen, das er Ihnen aus dem Gestrüpp seiner Kinnregion schickt, bedeutet: Ihnen auch einen schönen guten Morgen, liebe Frau Weiß, ist es nicht ein herrlicher Tag?

Eins der Kinder hat das auch. Klarer Fall von Vererbung. Grundstimmung: ruppig, muffig, spröde, mit viel Ausbaupotenzial ins echt Saugrantige. Aber sonst sehr lieb eigentlich. Ich weiß noch nicht, wie ich das Kind beim Abreagieren unterstützen soll: Der Lange hat jetzt eine Spitzhacke, aber für eine Siebenjährige ist das suboptimal. Eine Freundin probiert’s bei ihrem ähnlich veranlagten Kind mit Lach-Yoga, aber ich bin ja eher nicht so Yoga-affin. Wenn es bei anderen wirkt, toll; bei mir greift das nicht. Der Lange reflektiert auch wenig auf meditative Selbstkalmierungstechniken, jetzt einmal abgesehen von abendlichen Naturbetrachtungen bei Bier. (Immerhin, dabei entdeckt der Lange viel Schönes: Kinder, kommt schnell, schaut, da drüben ist ein Wildschwein! Wo. Da, da drüben, am Waldrand! Wo. DAS BRAUNE DA, GENAU VIS-À-VIS, KRUZIFIX! Das ist ein Hund. DAS IST KEIN HUND, SEIDS IHR ALLE KOMPLETT BLIND!? Papa, das ist ein Hund, hörst du, jetzt bellt er. Grummel, brumm.)

Nicht nur aufgrund einer vom Langen strikt ignorierten Sehschwäche begrüße ich es, dass er nun die Spitzhacke als sein neues Lebenswerkzeug entdeckt hat. Viel besser, der Lange reagiert sich mit der Spitzhacke ab als mit der Kettensäge. Man kann sich zwar auch mit einer Spitzhacke wehtun, aber mit der Kettensäge effizienter. Die Kettensäge steht in des Langen Werkzeug-Rangliste jetzt zum Glück auf Platz drei, erstens Spitzhacke, zweitens Danelectro, drittens Stihl, was mich stark beruhigt, weil ich zwölfdäumige Doppellinkshänder mit rustikalem Charakter und ohne besonderes Talent im Technischen mit einer Kettensäge für eine relativ erhebliche Gefahr für Leben, Haus und Garten halte. Mit der Spitzhacke dagegen hat er jetzt schon zwölf Thujenwurzeln und einen einbetonierten Zaun aus der Erde gehauen und einen Steinweg zum Schuppen gebaut, das tut ihm richtig, richtig gut; ich seh’s an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Wenn wir jetzt noch dem Kind sein Werkzeug finden, werden wir noch eine richtig fröhliche Famile, passt’s auf.


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