Ins Mark

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 27/09 vom 01.07.2009

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter

Systemabsturz, total organisiert

Die Geschichte, die Anna L. auf den folgenden Seiten erzählt, ist keine leichte Kost. Die junge, behinderte Roma-Frau spricht sehr unbefangen darüber, wie sie seit ihrer Kindheit von ihren Eltern systematisch zum Betteln gezwungen wurde, auch in dieser Stadt. Es ist dies der erste Zeugenbericht, der einen ernst zu nehmenden Hinweis darauf liefert, dass auch Graz von Menschenhandel betroffen sein könnte. Annas Fall ist indes kein Hinweis darauf, dass die Menschen, die hier betteln, mehrheitlich kriminell organisiert wären. Im Gegenteil. Alle anderen Personen, mit denen der Falter gesprochen hat, versicherten glaubhaft, sie seien ohne Zwang hier.

Annas Fall ist auch kein Argument dafür, dass diese Stadt eine weitere Verschärfung des Landes-Sicherheitsgesetzes nötig hätte. Sollten sich Annas Angaben bestätigen, liegt ein bereits jetzt klar nach dem Strafgesetzbuch zu verfolgender Fall von Menschenhandel vor. Das geplante Verbot „organisierten“ Bettelns gibt den Behörden kein neues Instrument in die Hand, könnte im Ergebnis aber dazu führen, dass die Gruppe der Roma, die seit Jahren gemeinsam aus Hostice anreisen, komplett aus der Stadt verbannt wird.

Was Annas Fall hingegen deutlich macht: Das politische System in Graz hat über die Jahre höchste rhetorische Bettler-Kompetenz entwickelt, und die Parteien rechts außen haben an diesem Thema ihren Zynismus zur Perfektion geschliffen. Dafür hat dieses System verlernt, sich für die Einzelschicksale dieser Menschen zu interessieren, mit ihnen auch nur zu sprechen oder gar konkrete Hilfe anzubieten. Dieses Systemversagen ist in großem Stil und teuer organisiert. Schade, dass das nicht strafbar ist.


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