Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 27/09 vom 01.07.2009

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten

Schwimmen gehen, seine Bankberaterin treffen

Frau Schneiderer von der BACA (Name und Bank geändert) ruft nicht mehr an. Sie hat sich inzwischen an die Krise gewöhnt, ein Grundstück in der Südsteiermark gekauft und eine Jahreskarte im Freibad zur steinernen Wehr, wo immer eine Kleine Zeitung aufliegt. Sie (die Schneiderer) hält es mit Markus Rogan, der gerade sein Portfolio verändert, weil für ihn die Krise eine Chance ist, und der sagt, gerade jetzt in einer Bank zu arbeiten, sei der interessanteste Job der Welt. Könnte sein oder auch nicht, die anderen Badegäste können sich da sowieso nichts drunter vorstellen, genauso wie Frau Schneiderer sich aber auch nichts unter Kulturbereich oder gar Schreiben vorstellen kann. Was sie sich noch am ehesten vorstellen könnte als Job wäre, deutsche Namen für amerikanische Filme zu erfinden wie ihre Schwester, die nach München gegangen ist. Zum Beispiel hat sie aus „Intolerable Cruelty“ „Ein (un)möglicher Härtefall“ gemacht. Was ist ein Härtefall, fragen wir uns. Das müsste man bei der Stadt nachfragen, die jetzt den Strafrahmen fürs Betreten der Murpromenade festgelegt hat: 3600 bis 36.000 Euro in Härtefällen. Das ist dieselbe Obergrenze, die auch für das Betreiben einer Kernanlage ohne Haftpflichtversicherung im Atomhaftungsgesetz festgeschrieben ist oder circa die Summe, die eine Loge beim Opernball kostet. Solche Sachen weiß Frau Schneiderer dann wieder, und auch das macht ihren erotischen Reiz aus.


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