Doris Knecht

Palmetshofer stündert relativ weit oben

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 27/09 vom 01.07.2009

Wie ich ihr damals von der „Kottan“-Premiere erzählt habe, hat die Anna gesagt: „Kottan“. Soso. In so ein Theater kannst du also gehen. Ich sagte, ich war wegen der Schretzmayer dort. Und wegen den Rabenhofern, aber das trübe Soso von der Anna hat trotzdem ziemlich gut verfangen. Ich sagte, okay, stimmt, ich gehe also mit dir jetzt einmal in ein richtiges Erwachsenentheater, such uns eins aus.

Die Anna, die sich mit dem Theater auskennt, hat uns eins ausgesucht, nicht zu lang, Brit-Regenten-frei, modern, und zwar derart modern, dass sich nicht einmal jemand auf der Bühne mehr ausziehen musste: Ewald Palmetshofers „Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete“ im Schauspielhaus. Einer kam mir bekannt vor, ich dachte, aus „Karlsson vom Dach“. Es war aber die lustige Frucade-Werbung.

Erstens weiß ich jetzt, wer das ist.

Zweitens, um es auf facebookisch zu sagen: Doris Knecht ist jetzt ein Fan von Ewald Palmetshofer. Falls ich je gezwungen würde, eine Liste junger Männer unter 35 zu verfertigen, denen ich zutrauerte, dass sie die Welt retten können oder zumindest die Kultur des deutschsprachigen Raumes, der Palmetshofer stündert relativ weit oben.

Drittens schreibt dieser Palmetshofer Theater, bei dem ich meinen Hintern vergesse, kann mich nicht erinnern, dass das vorher einer geschafft hat.

Viertens weiß Palmetshofer erstaunliche Dinge über die Gegenwart. Über Paare. Über Frauen und ihre Körper. Für sein Alter.

Fünftens aber lehrt uns Palmetshofer, dass wir falsch daran tun, unsere Kinder mit Verbzwänglerei zu quälen. Vielleicht haben Palmetshofer seine eigenen, luschen Eltern nie korrigiert oder er hat das ständige, brutale Korrigiertwerden seiner eigenen, autoritären Eltern in einer radikalen Verbaversion verinnerlicht, auf alle Fälle kann man, zeigt uns Palmetshofer, auch verbfrei ein gutes, glückliches, künstlerisch wertvolles Leben. Das Verb, vor allem das Hilfszeitwort, so lernen wir von Palmetshofer, ist exorbitant überbewertet. Wir sollten unsere Kinder unbedingt unterstützen beim unvollständigen Sprechen: Darf ich barfuß? Kann ich einen Kakao? Keine vielelternstimmigen GEHEN!!!- und HABEN-!!!-Chöre mehr, aus! JA sagen, BRAVO! rufen, denn das verbsparende Sprechen ist vielleicht ihre Eintrittskarte in eine erfolgreiche Autoren- und Künstlerexistenz.

Sechstens zeigt uns auch dieses Beispiel wieder, dass sich noch die höchste Kunst aufs banalste Private herunterbrechen, tief in die Alltagssoße tunken oder überhaupt mit dem primitivsten Privaten erst zuverlässig deuten lässt. Oder dass alles Künstlerische sowieso auch nur privat. Und alles Private wahrscheinlich schon Kunst. Und auch wenn das Ende der Theatersaison definitv der falsche Moment dafür ist, aber diesen Palmetshofer, den muss man sich unbedingt.


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