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Wunderschön uncool: „Stella“

Lexikon | Maya Mckechneay | aus FALTER 27/09 vom 01.07.2009

Es gibt Filme, die man riechen kann. „Stella“ von Sylvie Verheyde ist so ein Fall. Wenn die elfjährige Hauptfigur, gespielt von Léora Barbara, die Pariser Vorstadtkneipe ihrer Eltern betritt, legt sich Bierdunst über den Kinosaal, Zigarettenqualm und der Schweißgeruch der Stammgäste am Tresen. Man schreibt das Jahr 1976, aber die Ausstattung will nichts forcieren: hier eine speckige Lederjacke, dort ein Plastikplattenspieler. Die meisten Gegenstände stammen, laut Regisseurin Sylvie Verheyde, aus dem Privatbesitz des Teams. Nichts wirkt wie aus dem Requisitenlager, und auch die Darsteller scheinen mit dem Ort verwachsen: Guillaume Depardieu, der kürzlich verstorbene Sohn von Gerard, brauchte den Alkohol-kranken bekanntlich nicht zu spielen. Auf berührend zarte Art verkörpert er in einer seiner letzten Rollen den trinkenden Prinzen, die erste heimliche Liebe der kleinen Stella.

Mit viel Gespür zeichnet „Stella“ den Spagat der Protagonistin zwischen zwei Welten: der Kneipe der Eltern, in der sie die Pokerkönigin ist. Und dem poshen Mädchenlyzeum, in dem Stella zwischen den dunklen Faltenröcken der anderen mit ihrer Fellweste und den kniehohen Lederstiefeln eine schiefe Figur macht.

In gelegentlichen Voice-over-Passagen vertraut uns Stella ihre Jungmädchenträume, ihre Wut und Hilflosigkeit an, wie einem Tagebuch. Und wer weiß, vielleicht zitiert die Regisseurin wirklich aus privaten Aufzeichnungen. Wie Stella wuchs sie selbst als Tochter von Kneipenwirten auf.

Verheydes Liebe zum Halbseidenen spiegelt sich auch in einem wunderschön-uncoolen Soundtrack mit Chansons und Juke-Box-Rock: Neochansonnier Benjamin Biolay, der Stellas Vater spielt (und dessen 2003-Album „Négatif“ übrigens sehr zu empfehlen ist), war an der Auswahl beteiligt. Das „Chanson de Stella“ über dem Abspann singt Regisseurin Verheyde allerdings selbst.

Ab 10.7. im Stadtkino (OmU) (


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