Neu im Kino

„Mein Freund aus Faro“: luftiges Gender-benden

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 28/09 vom 08.07.2009

Über ihrem Arbeitsplatz, einer Fabrik für Flugzeugcatering, sieht Mel (Anjorka Strechel) täglich die Flieger ziehen. Selber hängt die burschikose 20-Jährige trotz Fernweh in der norddeutschen Provinz nahe Münster fest. Erst ein nächtlicher Beinahe-Unfall verschiebt den festgefügten Alltag: Vor der kessen 14-jährigen Tramperin Jenny (Lucie Hollmann) gibt sich Mel als portugiesischer Junggeselle Miguel aus, mit Informationen versorgt von Arbeitskollege Nuno. Den engagiert Mel außerdem, um gegen Bezahlung vor ihrer Familie ihren neuen Freund zu spielen …

Wie Nana Neul in „Mein Freund aus Faro“ queeres Passing, lesbisches Coming-out und einen eingestreuten Verdacht von Pädophilie in luftige Verwirrungen und Verwechslungen übersetzt, ist durchaus heiter anzuschauen. Erst gegen Ende holt den Film, der hierzulande vom Queerfilmfestival Identities verliehen wird, die problemfilmtypische Scherenschnittdramaturgie ein (Auftritt: ein Rudel intoleranter, prügelfreudiger Pubertierender).

Als Regisseurin torpediert Neul ihr solides Drehbuch vorher schon mit einfallslosen Formgebungseinfällen (hier ein wenig Zeitlupe für einen Unfall, dort eine Spur Wackelkamera für eine Verfolgung) und etwas unbeholfenen großen Gesten.

Sympathisch untheatralisch ist dagegen Theaterschauspielerin Anjorka Strechel in ihrer ersten Kinohauptrolle: Zwischen Mel und Miguel gibt es weder eine klare Trennung noch völlige Identität, sondern eine Vielzahl von subtilen Nuancen und Abstufungen in der Geschlechterperformanz. Ein Zug zum entspannt Uneindeutigen rettet auch den Film als Ganzes vor gelegentlichen Anwandlungen fernsehspielhafter Nettigkeit.

Ab Fr im Filmcasino(


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