Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 28/09 vom 08.07.2009

Ottos Trost

Otto Schulmeister hielt keinen Trost für uns bereit. Aber er wunderte sich, dass das von Franz Schuh geführte Interview im Falter genauso erschien, wie er es gegeben hatte. Der Anlass: Schulmeister hatte bekanntgegeben, als Herausgeber der Presse abzutreten. Franz Schuh hielt Schulmeisters Plädoyer für den Menschen als „transzendierendes Wesen“ entgegen: „Ich halte es für möglich, Herr Schulmeister, dass Sie jemand sein könnten, der als Erster darüber erschrocken wäre, wenn das, was Sie an intellektueller Kraft vermissen, irgendwo wirklich existierte. Ich will darauf hinaus, dass Sie, der Sie solche Ansprüche an die Utopie, an den Menschen als transzendierendes Wesen stellen, vielleicht doch ganz froh dabei sind, dass hier nicht gar so viel transzendiert wird.“ Schulmeister aber antwortete:

„Ich habe keinen Anspruch an die Utopie, denn ich bin ein gläubiger Christ und brauche daher nicht irgendwelche Ersatzmittel, sondern ich weiß, dass das Christentum niemals behauptet hat, das Reich Gottes ließe sich hier auf Erden realisieren. Immer wieder gab es in der Geschichte Versuche, hier zu realisieren, was ein Christ für völlig undenkbar hält, weil er sich selbst kennt und weil er weiß, wie viel Dreck er selber an den Fingern hat. Seine Hoffnung gilt eben der paradoxen Tatsache, dass er meint, dass Gott selbst sich herabgewürdigt hat, Mensch zu werden, um für die Menschen zu sterben, denn der Mensch selber kann sich nicht befreien.

Wenn ich nur aus meinem Lebensabschnitt die Selbstbefreiungsversuche sehe, und sehe, wie sie gescheitert sind, und wenn ich die Versuche von heute sehe, dann kann man das alles nur relativieren. Daher brauche ich keine Utopie mehr. Mir genügt es, das, was ich als sicher zweifelhafter, ramponierter und schlechter Christ beobachte, für mich selbst zu verwenden und meine Rolle als Journalist dementsprechend zu bemessen – einer der Gründe, warum ich zum Jahresende hier verschwinde.“ AT


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