Was uns bewegt: zum Tod der bahnbrechenden deutschen Choreografin Pina Bausch

Feuilleton | aus FALTER 28/09 vom 08.07.2009

Nachruf: Wolfgang Kralicek

Am Beginn von Pedro Almodóvars Film „Hable con ella“ (2002) sitzen die beiden Protagonisten tiefbewegt im Theater. Auf der Bühne laufen zwei Frauen in Nachthemden mit geschlossenen Augen gegen die Wände. Eine der Frauen ist die deutsche Tänzerin und Choreografin Pina Bausch; die ergreifende, von einer Henry-Purcell-Arie begleitete Szene stammt aus ihrem Frühwerk „Café Müller“ (1978).

Der prominente Kinoauftritt zeigt nicht nur, wie berühmt Bausch auch außerhalb Deutschlands war; er ist zudem symptomatisch für ihre Kunst, die auch jenseits der Tanzwelt ihre Wirkung nicht verfehlte. Pina Bausch war hauptverantwortlich dafür, dass Tanz heute als Form von Theater verstanden wird; der Begriff „Tanztheater“ ist eng mit ihr verbunden.

1973 gründete die als Tochter einer Wirtsfamilie in Solingen geborene Bausch das Tanztheater Wuppertal. Das Publikum reagierte zunächst verstört: Was die Wuppertaler zu sehen bekamen, hatte mit dem Ballett, das sie kannten, nichts mehr zu tun. Bausch erzählte keine Märchen, sie brachte Szenen, in denen man das tägliche Leben wiedererkennen konnte, und die Tänzerinnen und Tänzer ihrer Compagnie waren keine Corpssoldaten, sondern Individuen, die sogar den Mund aufmachen durften. Bauschs Credo lautete: „Mich interessiert nicht so sehr, wie sich Menschen bewegen, als was sie bewegt.“

Pina Bausch war eine der wichtigsten Bühnenkünstlerinnen der Nachkriegszeit. Ihr Einfluss ging weit über den Tanz hinaus; auch für das Sprechtheater wirkte sie prägend. Ob Frank Castorf oder Andrea Breth, ob Robert Lepage oder Robert Wilson – alle pilgerten sie nach Wuppertal; umgekehrt tourte ihre Compagnie ständig um die Welt. In Wien war zuletzt 1994 bei den Festwochen „Ein Trauerspiel“ zu sehen; eine bei Impulstanz seit Jahren geplante Werkschau ließ sich leider nie realisieren.

Vorige Woche ist Pina Bausch, nur wenige Tage nach einer Krebsdiagnose, in Wuppertal gestorben.


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