Ins Mark

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 28/09 vom 08.07.2009

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter

Ein Taumel, ein Traum

Das Leben ein Fest. Die Bürger des Landes – sie taumeln feiernd in Richtung Sommerloch. Massenhypnose bei der AirPower, Massentaumel beim 25. Stadtfest der Steirerkrone. Auch der aktuelle Bürgermeister dieser Stadt, Siegfried Nagl (ÖVP), feierte mit der Krone, in der er zuvor in einem Interview die „Bettler-Debatte“ angestoßen hatte. Und weil er nicht überall feiern kann, musste er sich beim Fest zum 70. Geburtstag von Wolfgang Pucher vertreten lassen. Dem Vinzi-Pfarrer, der vielen der Bettler aus der Slowakei ein Nachtasyl gewährt, gratulierte dafür Alfred Stingl (SPÖ) persönlich, der ewige Bürgermeister dieser Stadt. Stingl wiederum musste sich beim Stadtfest nicht vertreten lassen. Das ist der Unterschied.

Und Wolfgang Pucher ist, das muss noch einmal gesagt werden, zu danken. Für seine unerschütterlich humanitäre Haltung, dafür, dass er es nicht aushält, dass jemand in Graz, ohne Ansehen der Herkunft, unter einer Brücke schläft, hungert oder ohne ärztliche Fürsorge bleibt. Von den braven Grazer Bürgern, die zur „Arena“ der Kleinen Zeitung kamen, um wenige Tage darauf vielleicht zum Fest der Krone zu taumeln, ist ihm das auch als Naivität ausgelegt worden. Ein Irrtum. Genauso, wie sich als Irrtum erweist, dass – wie das Nagl gerne behauptet – in Graz niemand betteln muss.

Gerade der Fall Anna L., den wir auf den folgenden Seiten noch einmal ausleuchten, zeigt das Gegenteil. Anna L. ist, unabhängig davon, ob ihr Fall nun vor den Gerichten hält, zum Betteln verurteilt. Wird ihr hier nicht geholfen – die Caritas bemüht sich noch darum –, wird sie am Ende einfach auf den Straßen einer anderen europäischen Stadt landen. Das Fest kann dann ja weitergehen.


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