Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 29/09 vom 15.07.2009

Provinziell

Ernst Fischer, erst revolutionärer Sozialist, dann aus der KPÖ ausgeschlossener Kommunist, geistreicher Intellektueller und österreichischer Unterrichtsminister (das gab’s!), hätte am 3. Juli 1989 seinen 90. Geburtstag gefeiert (er war 1972 gestorben). Wir brachten ein Porträt von Christof Reinprecht und einen Essay von Karl-Markus Gauß, der die gesammelten Werke Ernst Fischers im Frankfurter Sendler Verlag he-rausgab. Nebenbei erschien ein kleiner Auszug aus deren 6. Band, „Das Ende einer Illusion“, zum Thema Provinzialismus:

„Der österreichische Provinzialismus, der beunruhigend überhandnimmt, hat eine Reihe geschichtlicher Ursachen. Zu diesen Ursachen gehört zum Beispiel das tiefverwurzelte Misstrauen gegen alles Neue (brauch ma net!), die Abneigung gegen die intellektuelle Herausarbeitung von Grundsätzen (wenn i so a Büchel seh, hab i schon gfressen), das permanente Mitleid mit sich selbst (kein andres Land hat’s so schwer gehabt wie Österreich!) und die naive Überzeugung, man habe kulturell so viel geleistet, dass man vom Ertrag der Vergangenheit leben könne und die zahlungswillige Sympathie der ganzen Welt verdiene. Zu all dem kommt die Stagnation des Koalitionsregimes mit seinem ideenlosen Praktizismus, seinem Widerwillen gegen geistige Auseinandersetzungen, seiner Vorliebe für die Mittelmäßigkeit, die sich fügsam handhaben lässt …

Eine Schar von arrivierten Koalitionspolitikern, die öffentlich nur lächeln und hinterrücks zu handeln verstehen, hat sich’s bequem gemacht; sie lassen sich nicht gern stören, weder durch das Volk noch durch das Parlament noch durch ideologische Vorbehalte. Sie spielen, Tischlein-deck-dich‘ und, Esel-streck-dich‘ und manchmal, vor den Wahlen,, Knüppel-aus-dem-Sack‘. Mit sich selber zufrieden, verbreiten sie die Meinung, nichts in Österreich werde sich ändern. Man hört die Uhr der Zeit zwar ticken, aber die Zeiger sind abmontiert. Man ist aus Überzeugung provinziell.“ Die Zeiten ändern sich ja doch! AT


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