Ohne Maulkorb im Beichtstuhl

Feuilleton | aus FALTER 29/09 vom 15.07.2009

Vor 20 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Die zeitgenössische Kunst ist seither eine andere

Grenzgang: Matthias Dusini

Die Erinnerung an sein Hundeleben bereitet dem Künstler Oleg Kulik Vergnügen. Damals, an jenem Moskauer Abend Mitte der 90er-Jahre, habe er gar nicht rausgewollt in die nasse Kälte. Doch dann, als es kein Zurück mehr gab, verfiel er augenblicklich in Rage, zerrte, nackt und auf allen vieren über den Asphalt kriechend, am Nietenhalsband. „Ich war wie in Trance“, sagt Kulik in einer Videodokumentation, die derzeit im Wiener Museum auf Abruf (Musa) zu sehen ist.

Blutverschmiert und nach Atem ringend brach er zusammen, nachdem er eine schwedische Journalistin angefallen hatte, die zum ersten Mal in Russland weilte. „Nackter Künstler läuft durch Moskaus Straßen und beißt Passanten: Das ist Perestroika“, sollte sie später schreiben.

Kulik lacht schallend und erklärt die Beweggründe für die Aktion. Der Triumph darüber, den kommunistischen Tyrannen verjagt zu haben,


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