Doris Knecht

Warum ich nicht mehr bei Facebook bin

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 29/09 vom 15.07.2009

Weil ich einmal in der Nacht richtig lange wachlag. Ich lag wach und verschob Sorgen. Draußen ging’s schon los mit dem Getrillere. Die Sorgen wurden nicht weniger durchs Herumgeschiebe. Es fängt übrigens immer der unmusikalischste Vogel mit dem Gelärm an, furchtbares, völlig dissonantes Gequietsche, erinnert ein bissl an den frühen Kurzmann in den 90er-Jahren. Alle anderen spielten schöne Harmonien oder ließen die Walls of Sound tuschen, und Kurzmann ließ die Tröte in ihrer unmittelbaren Dringlichkeit sprechen. Mit Kurzmann war ich dann facebookmäßig auch wieder befreundet, ich konnte sehen, wo und mit wem er sich gerade in der Welt herumtreibt, immer noch gern im Beisein eines Saxofons. Als ich ihn letztes Mal, irgendwann im Winter, einmal spielen hörte, klang es aber richtig schön; möglicherweise hat mein musikalisches Harmoniebedürfnis eine Entwicklung oder Umorientierung erfahren und den ersten Vogel Kurzmann jetzt unter „Wohlklang“ abgespeichert. Ich weiß nicht. Den konkreten ersten Vogel in den Bäumen jedenfalls nicht. Grundgütiger; was für ein Versager. Was so pfeift, sollte lieber kein Vogel werden. Ich meine, finden das die anderen Vögel akzeptabel? Als Wecker wohl schon, denn kaum hat der erste Vogel seine ersten, furchtbaren Töne in die Welt getrötet, setzen sofort die talentierteren ein; vermutlich, um ihn zu übertönen. Das war einerseits natürlich nett, einen wie den Kurzmann wieder präsent zu haben. Sehen, was der so macht. Nicht dass es wichtig wäre. Und nicht dass es wichtig wäre, irgendwelchen anderen bei irgendwas zuzusehen. Man macht es aber.

Ich hatte 789 Freunde. Ich kannte ihre Kinder und ihre Katzen. Ich war bei ihrer Arbeit dabei, bei ihren Partys, bei ihren Hochzeiten, bei den Hochzeiten ihrer Freunde, bei den Scheidungen ihrer Eltern, und, Himmel, bei ihren Geburten. Ich fühlte mich wie ein Spanner, wenngleich ein eingeladener. Trotzdem: Geht’s mich was an? Und bringt’s mir was? Nix. Plus: Man kommt dann ja zu nichts mehr. Bespitzeln Sie einmal 789 Leute, daneben gehen sich zwei Kinder, zwei Haushalte und zwei Erwerbsarbeiten knapp nicht mehr aus. Das setzt einen insgesamt so unter Stress, dass man den ersten Vogel, den Trottel, dann immer öfter hört. Vor allem, wenn einem klar wird, dass die alle zurückspannen. 789 Menschen in meinem Nacken, die mir zuschauen, wie ich mit meinen echten Freunden parliere, und 699 von denen kenne ich nicht einmal. Ich meine, ich exponiere mich schon so genug; und wen das interessiert, der soll den Falter kaufen. Ich mach mich ja nicht gratis zum Idioten. Und ich bin in Wirklichkeit schüchtern, fragen Sie meine echten Freunde.

Bin ich raus aus dem Bett und habe im Morgengrauen meinen Account gelöscht. Es fühlte sich befreiend an, und zwei Monate später tut es das immer noch. Den ersten Vogel hab ich jetzt schon ewig nicht gehört.


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