Kritik

Unklarheit ist der Tod jedes Publikums

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 29/09 vom 15.07.2009

Der französische Künstler Bernard Bazile hat das Geheimnis um eine Inkunabel der jüngeren Kunstgeschichte gelüftet, indem er eine von Piero Manzonis Konserven mit der Aufschrift „Merda d’artista“ öffnete. Und siehe da: Wo Scheiße draufsteht, ist gar keine drin. 1961 persiflierte Manzoni mit dieser Arbeit das Kunstsystem und seine Marktgesetze. Baziles Aktion ist ähnlich radikal: Sie bricht mit der Vorstellung von der Unantastbarkeit eines Kunstwerkes.

Das Zerstören etablierter Gesetzmäßigkeiten und das Schaffen alternativer Strategien hat die Kunstgeschichte von jeher vorangetrieben. Kurator Pierre Bal-Blanc macht diese Vorgänge vor allem an Werken der 1960er bis 1980er fest. Und er hat dabei vor allem eines im Sinn: Das Publikum aus seiner Passivität zu locken.

„The Death of the Audience“ heißt die Schau, in der das Verschwinden der autoritären Künstlergeste, das Miteinbeziehen des Publikums, Genderfragen und architektonische Gegenentwürfe vage Anhaltspunkte bieten. Neben Bazile und Manzoni sind hier über 30 Positionen mit jeweils mehreren Arbeiten präsent. Bespielt wird das gesamte Gebäude der Secession. Das Ergebnis gleicht einem schier undurchdringlichen Dickicht, das nicht nur die Bedeutung einzelner Arbeiten verunklärt, sondern auch das Herausfiltern des kuratorischen Konzepts erschwert. Was haben Pierre Klossowskis erotische Buntstiftzeichnungen hinter der Übungswand der Choreografin Odile Duboc verloren? Wie sich gedanklich in das poetische Wasserglasobjekt von Julius Koller vertiefen, wenn einem daneben Pariser Studenten ins Ohr schreien? Zu viel ist oft zu wenig. Den Betrachter wachrütteln kann man damit aber allemal.

Secession, bis 30.8.(


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