Kritik

Wenn der Kreml nach Antalya reist

Lexikon | aus FALTER 29/09 vom 15.07.2009

Zehn Jahre sind vergangen, seit Anna Jermolaewa mit ihrem „Hendltriptychon“ auf der Biennale Venedig einem internationalen Publikum vorgestellt wurde. Die Reduktion auf ein zentrales Motiv, die Frontalität des Dargestellten und die Wiederholung von Handlungen und Gesten spielten in den darauffolgenden Jahren eine zentrale Rolle in den Videoarbeiten der in Sankt Petersburg geborenen Künstlerin.

Wie sich ein künstlerisches Œuvre ausgesprochen schlüssig weiterentwickeln kann, ohne seinen Prinzipien untreu zu werden, zeigt Jermolaewa nun. Mit der für sie charakteristischen Leichtigkeit und mit Humor gelingt es ihr nach wie vor, banale Abläufe auf eine metaphorische Ebene umzulenken. So scheint der Schaufelbagger, der den Wiener Flohmarkt säubert, mit geradezu überwältigender Wucht den Betrachter selbst zu überrollen. Dass nicht nur wertlose Überreste, sondern auch ein riesiges Plüschtier in die Fänge des Gefährts geraten, ist purer Zufall, unterstützt allerdings die skurrile Wirkung des auf Kniehöhe gefilmten Vorgangs.

Mit versteckter Kamera nahm Jermolaewa 1996, 2001 und 2006 dieselbe Rolltreppe in der Sankt-Petersburger U-Bahn ins Visier. „Fünfjahresplan“ ist der ironische Titel der Arbeit, in der das Immergleiche stärker wahrnehmbar ist als Veränderungen.

Die deutlichste Zäsur mit bis dahin erprobten Darstellungsmodi vollzieht die Künstlerin aber in ihrem jüngsten Video. Der Kreml und sein architektonischer Doppelgänger, das Kremlin Palace Hotel im türkischen Antalya, bilden hier die Kulisse für eine Erzählung über kulturelles Selbstverständnis, globale ökonomische Zusammenhänge und die daraus resultierenden Formen kultureller Repräsentation. MJ

Engholm Engelhorn Galerie, bis 31.7.


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