Eine ziemlich irische Kindheit, später Ruhm und Selbstversorgung mit Demutspillen und Morgenkaffee

Feuilleton | aus FALTER 30/09 vom 22.07.2009

Nachruf: Julia Kospach

Frank McCourt hielt es für günstig, dass ihn der Ruhm erst spät ereilte. Andernfalls hätte es ihn erwischt wie Dylan Thomas, der sich mit 39 zu Tode soff: „Ich wäre längst tot“, sagte McCourt, „ich hätte keinen einzigen von den vielen Drinks, die mir angeboten worden sind, abgelehnt und wäre hinter jeder Frau auf der Welt hergewesen.“

Wie gut also, dass er bereits 66 Jahre alt war, als ihn 1996 „Die Asche meiner Mutter“ über Nacht zum Superstar machte. Er bekam den Pulitzer-Preis, verkaufte in der Folge mehrere Millionen Exemplare und lernte, dass ihm jeder mit einem Mal „in einer Weise zuhörte, in der mir als Lehrer niemals zugehört worden war“.

Die Geschichte einer bitterarmen irisch-katholischen Kindheit war vorher schon viele Male erzählt worden, aber McCourt erzählte die seine in einer bestrickenden Mischung aus Humor, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl für das Dickens’sche Personal, das von ihm und seiner Familie gestellt wurde. Es war ein furioses Werk, wie gemacht, das Lieblingsbuch hunderttausender zu werden. Dasselbe galt für den zweiten Teil „Ein rundherum tolles Land“ (1999) über seine Vom-Hafenarbeiter-zum-Lehrer-Immigrantenjahre in New York und „Tag und Nacht und auch im Sommer“ (2006) über drei Jahrzehnte als Lehrer an New Yorker Schulen.

Frank McCourt avancierte zu „der Welt erstem Not- und Elendsexperten“, der immer dann geladen wurde, wenn es um Krankheit und Armut ging. Er quittierte das mit feiner Ironie, pflegte ein paar kindheitsgeprägte Eigenheiten („die Vorstellung, dass man überhaupt etwas essen muss, macht mir Probleme“) und ein paar harmlose Süchte („ich bin lese- und morgenkaffeesüchtig“), nahm jedes Mal, wenn er wieder einen Literaturpreis bekam, einige seiner „Demutspillen“ und hielt sich ansonsten an die Formel „Hilf, Himmel, hilf, was soll das alles?“. Die Antwort könnte ihm nun zuteil werden: Am vergangenen Sonntag starb Frank McCourt im Alter von 78 in New York.


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