Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 30/09 vom 22.07.2009

Wochen- und Feiertagsentleerung

Dialog zwischen zwei Straßenbahnfahrern der Linie sechs: „Allein ist es fad.“ „Ja, aber wenn viele Leute sind ... ist auch fad.“ Das ganze Leben ist tatsächlich ein einziger Versuch, das richtige Mittelmaß zu finden. Ganz viele Leute machen den Einzelnen einsam, und gar keine Leute ist auch wieder scheiße. Gerade Städte wie Graz sind geübt darin, sich selbst mit Verweis auf das genau richtige Mittelding schönzulügen. Dabei kann einen auch hier die Einsamkeit schon ganz schön hart ereilen, zum Beispiel allein in der Linie sechs, die seit ihrer Einführung im Jahr 1906 rund 26 Mal die Distanz von der Erde zum Mond zurückgelegt hat. Und von den Insassen der Apollo-Mission ist keiner unbeschadet zurückgekommen, wie wir aus einem neuen Buch von Andrew Smith wissen: Einige verfielen dem Alkohol, einer tut seitdem nichts anderes, als Ölbilder zu malen, ein anderer tritt auf Ufo-Kongressen auf, einige wurden depressiv. Nicht nur sie begehen dieser Tage ein Jubiläum, sondern auch ein anderer Held der Einsamkeit: Wyndham Halswelle wurde am 25. Juli vor 101 Jahren Olympiasieger im Vierhundert-Meter-Lauf, ohne im Finale einen einzigen Gegner zu haben. Er lief ganz alleine, weil die anderen disqualifiziert waren. Er konnte sich zeit seines kurzen Lebens nie so richtig darüber freuen. Hätte er in Graz gelebt, wäre vielleicht er es gewesen, der auf die Klotür geschrieben hätte: So schnell scheißen die Grazer nicht.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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