Doris Knecht

Ich bin eigentlich mehr der Ufer-Typ

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 30/09 vom 22.07.2009

Um sieben Uhr früh sitze ich mit einer Tasse Kaffee auf einer steinernen Treppe und schaue hinaus aufs Meer. Die Kinder schlafen noch. Das Meer ist unvorstellbar blau. Es ist still, nur die Zikaden brüllen in den Föhren, und weit draußen tuckert ein Fischer vorbei. Von rechts nähert sich ein schlankes Ruderboot mit einer langen, dürren Gestalt darin. „Guten Morgen“, sage ich. „Guten Morgen“, sagt der Xaver. „Wo ruderst du hin“, sage ich. „Steig ein und finde es heraus“, sagt der Xaver.

Sie kennen den Xaver von daher, dass ich einmal mit einer goldenen Heugabel seine Wiese geheut und dabei mit ihm über Dylan und dergleichen geredet habe. Während ich jetzt mit meiner Kaffeetasse vor dem Xaver in seinem Faltboot sitze und mich der Sonne entgegenrudern lasse, erzählt der Xaver meinem Rücken, wo er und der Gery mit dem Boot schon überall waren. Einmal waren sie auf Teneriffa und haben in der Morgendämmerung nach Gomera hinübergeschaut. Der Xaver sagt, er hat gesagt, dass das höchstens 25 Kilometer sind, das packen sie in nicht einmal zwei Stunden. Der Gery, sagt der Xaver, hat genickt, wie es so die Art vom Gery ist, du kennst ihn ja. Ja. Also sind sie, sagt der Xaver, in das Boot gestiegen, mit einer Orange und einer Flasche Wasser. Wie es wieder dunkel geworden ist, hatten sie Gomera immer noch nicht erreicht, und erst wie es schon ganz dunkel war, gelangten sie irgendwie an Land. Normal wären der Gery und ich jetzt tot, sagt der Xaver, und dass er das Faltboot danach drei Jahre nicht mehr zusammengebaut hat. Was ist das für eine Insel dort drüben, die mit dem Leuchtturm?, fragt der Xaver und deutet mit dem Paddel auf eine dunstige Erhebung am Horizont. Unbewohnt, soviel ich weiß, sage ich, soll einen schönen Sandstrand haben. Schauen wir sie uns an, sagt der Xaver, in einer halben, höchstens einer Dreiviertelstunde sind wir drüben. Ich denke, ich sollte einmal nachsehen, ob die Kinder schon wach sind und Hunger haben, sage ich. Na gut, sagt der Xaver, dann vielleicht morgen. Ja, morgen vielleicht, sage ich.

Ich bin aber nicht mehr in das Boot eingestiegen. Der Xaver hat irgendwann ein winziges Segel daran befestigt und ist um das Kap gesegelt, aber ohne mich. Ich hab’s nicht so mit Booten. Oder mit Abenteuern. Das Schlauchboot der Kinder, ja, passt, bissl über die Kindergeschreigrenze rudern, bissl in den Himmel schauen, perfekt, aber sonst ist Ufer als solches für mich absolut ausreichend. Am besten um sieben Uhr früh, wenn es ganz still ist.

Jetzt: The weißbrotfaced woman ist wieder da. Zwei Wochen makelloser Strandurlaub, nothing to write home about. Das dachten sich auch die Kinder, die der Oma in der Autobahnraststätte Gralla mit erheblichem Widerwillen noch schnell eine Karte schrieben. „Liebe Oma, ich war in Krowazien. Mimi 1.“ „Ich auch. Mimi 2“. Brav, Kinder, und JAAA!, die Belohnung kriegt ihr dann.


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