Kritik

Hermann Nitsch ist Kaiser

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 30/09 vom 22.07.2009

Hätte ein Kunsthistoriker diese Ausstellung konzipiert, so wäre die Auswahl an Künstlern und die Gewichtung einzelner Werkkomplexe wohl etwas anders ausgefallen. Doch Hermann Nitsch hat die bombastische Schau „Nitsch. Vorbilder, Zeitgenossen, Lehre“ selbst kuratiert. Sie führt nicht nur durch sämtliche seiner Schaffensphasen, sondern verweist auch auf jene Künstler, die den Meister beeinflusst haben. Darüber hinaus sind hier seine Zeitgenossen ebenso vertreten wie jüngere Protagonisten des Kunstgeschehens, auf die Nitschs Errungenschaften Einfluss nahmen. Viele von ihnen waren seine Schüler, einige unter ihnen waren Akteure im Orgien-Mysterien-Theater.

Herbert Boeckls Gemälde „Die Anatomie“ hat den jungen Nitsch beeindruckt und auch Schieles, Klimts sowie Kokoschkas Beschäftigung mit Erotik und psychischen Abgründen. Neben Arnulf Rainer zählen auch internationale Größen wie Antoni Tapies und Emilio Vedova zu den großen Vorbildern.

Den Hauptakteuren des Wiener Aktionismus wird hier selbstverständlich viel Raum gegeben. In der Liga der Zeitgenossen begeistert vor allem die Installation des Italieners Giuseppe Zevola, der wie Nitsch die Idee des Gesamtkunstwerks verfolgt, nur sanfter, poetischer und leiser.

In Caren Dinges Schüttbildern nimmt Nitschs Lehre ganz offensichtlich Gestalt an, ebenso in den reliquienartigen Objektkästen von Herbert Hollmann. „Mich zerreißt es in Nitschs Nähe in kleinste Teile“, sagt der Maler Anton Jessner ehrfurchtsvoll. So mag es nicht verwundern, wenn die Anordnung dieser Ausstellung das Bild vom Kaiser und seinem Hofstaat evoziert: Im Zentrum thront Hermann Nitsch, und alle anderen verneigen sich vor ihm. Künstlerhaus, bis 11.10.


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