Kritik

Alles ist Fiktion, auch die Dokumentation

Lexikon | aus FALTER 30/09 vom 22.07.2009

Am 22. April 1969 – einen Tag vor ihrem 22. Geburtstag – zog die nordirische Bürgerrechtskämpferin Bernadette Devlin als jüngste Abgeordnete in das britische Unterhaus ein. Bereits damals bezeichnete man die junge Frau respektvoll als irische Jeanne d’Arc. Ihr Kampf für soziale Gerechtigkeit hatte mehrere Gefängnisstrafen zur Folge. In den 70er-Jahren zog sie sich aus der Politik zurück.

Der 1972 in Dublin geborene Künstler Duncan Campbell nimmt die Ereignisse um Devlin zum Anlass für ein filmisches Porträt, das zwischen Dokumentation und Fiktion angesiedelt ist. Die Arbeit „Bernadette“ fügt sich zunächst lose aus dokumentarischem Foto- und Filmmaterial zusammen, entwickelt sich dann gegen Ende hin aber immer stärker ins rein Poetisch-Assoziative. Das Dokumentarische sei für ihn eine besondere Form des Fiktiven, sagte der Künstler einmal. Es habe die Erscheinung von Wahrheit, basiere aber auf den gleichen formalen Konventionen wie das Erfundene. Mit „Bernadette“ gelingt Campbell nicht nur eine intelligente Analyse dokumentarischer Strategien, sondern auch ein sensibles Porträt einer außergewöhnlichen Persönlichkeit.

Vergleichsweise abstrakt nimmt sich dagegen sein zweiter Film aus. Während die Kamera in „Sigmar“ die Wände und einzelne Bilddetails im Atelier des deutschen Künstlers Sigmar Polke abtastet, bestreiten Sprachfetzen eines fiktiven Gesprächs mit dem Maler die Tonspur. Wenngleich diese Arbeit nicht annähernd so zu fesseln vermag wie „Bernadette“, so zeigt sich doch auch hier, wie ausgezeichnet Campbell unterschiedliche filmische Vermittlungsformen zu entschlüsseln und zu demontieren versteht. MJ

Mumok Factory, bis 6.9.


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