Doris Knecht

Man muss sich ja alles selber machen

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 31/09 vom 29.07.2009

Letzte Woche habe ich irgendwo gelesen, ich sei für Boote ungeeignet und hätte es mehr mit Ufern an und für sich, dafür nicht mit Abenteuern. Mei. Kompletter, völlig daherfantasierter Schwachsinn, bitte. Erst diesen Samstag bin ich in einem schmalen Polyethylenboot zwölf Kilometer den stark wasserführenden Kamp hinabgepaddelt, von Steinegg bis Rosenburg, es gibt dafür zuverlässige Zeugen. Boote sind nämlich toll, und fester Boden unter den Füßen wird stark überschätzt. Das Paddeln war lässig, bis auf den Anfang, als ich es lernen musste und relativ sicher war, dass man mich nachher tot aus dem Fluss fischen würde. Ging dann aber gut.

Das Ufer sah schön aus, so von der Flußmitte aus, einsam, waldig, tiefgrün. Fische sprangen. Enten flogen auf. Eisvögel querten. Umgestürzte Weiden ragten ins Wasser. Der Polz erwischte eine, kippte um und verlor sein Boot, der Lampl hat es dann gerade noch erwischt. Und: Ich kippte nicht. Ich konnte es einigermaßen. Ich drehte mich einmal im Kreis und rammte ein paar Felsen, aber ich blieb oben. Das Boot und ich, wir konnten miteinander, und was lernen wir daraus: Irgendwann hat man das Alter erreicht, da kann einen eigentlich nichts mehr überraschen. Überrascht man sich halt selber.

Man weilt wieder im idyllischen Waldviertel. Es ist sehr schön. Jeden Morgen, Punkt sechs, wirft einer der Nachbarn seine Motorsense an und mäht ein großes Stück seiner Wiese. Wenn er irgendwo hängenbleibt, brüllt er. HUR! DRECKIGE HUR! So wacht man gerne auf. Um halb sieben pumpert der Nachbarsbub an die Tür, weil er ist schon lange wach und findet, wir sollten das auch sein.

Wenn der Nachbarsbub einmal da ist, bleibt er das, bis es dunkel ist oder man neue Gesetze erlassen hat. Neue Regel, Stefan, sage ich, du kommst nicht vor zehn und gehst um sieben, Mittagessen, Jause, zwei Eis inklusive, und wenn’s sein muss, nehme ich dich auch mit zum Baden, aber vor zehn kommst du nicht. Der Nachbarsbub akzeptiert murrend und spielt dann ab neun in unserer Schaukel Nintendo, bis ihn jemand erlöst, worauf er meldet, dass sein Frühstück jetzt schon lange her ist und er nun tüchtig Hunger hat. Das ist so zuverlässig wie der Steuerbescheid, außer die Horwaths sind da, dann geht er zum kleinen Horwath, der ihn zwar gerne ein wenig schikaniert, aber immer noch besser als mit Mädchen spielen. Außerdem nimmt ihm dort niemand seinen Nintendo weg. Wenn keins von den Wiener Kindern da ist, spielt er 16 Stunden am Tag. Er SPRICHT mit dem Nintendo, und, wenn er einmal aus irgendeinem Grund Nintendoverbot hat, ersatzweise mit der Gebrauchsanleitung, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen.

Unseren medial vergleichsweise unverwöhnten Kindern aber zeigte der Lange auf deren ausdrücklichen Wunsch Michael Jacksons „Thriller“-Video. Danach hatten wir sie drei Nächte bei uns im Bett. Das machen wir nicht mehr.


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