Fragen Sie Frau Andrea

Wag the Dog, toss the Shoe!

Kolumnen | aus FALTER 31/09 vom 29.07.2009

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

neulich bin ich durch eine Wiener Einkaufsstraße gegangen, war es die Alser oder die Gumpendorfer Straße, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls habe ich ein Paar Schuhe, an den Schnürsenkeln verknüpft, an den Drähten der Straßenbeleuchtung baumeln sehen. So etwas, nur in größerer Anzahl, hab ich auch schon in Madrid gesehen. Wird das jetzt Usus bei uns, und was bedeutet es?

Beste Grüße aus Wien-Fünfhaus,

Benedikt Pöttler, per twitter DM

Lieber Benedikt,

ich habe mir erlaubt, Ihr 140-Zeichen-tweet aus der twitterlingo ins Falter-Deutsche zu übersetzen. Das Schuhtossen oder Schuhwerfen ist Teil einer urbanen Folklore, die weltweit, von Kanada bis Peru, von Schweden bis Rumänien, beobachtet wird. Für das Phänomen, Schuhpaare über Stromleitungen und Telefondrähte zu werfen, gibt es eine Reihe von Erklärungsansätzen. In den derangierten Ghettos amerikanischer Großstädte zeigen Shoefitis Crackhäuser und Drogenumschlagplätze an. Auch Morden im lokalen Bandenmilieu wird mit getossten Sneakers gedacht.

Weniger sinister sind die Schuhwurfgründe in europäischen Gegenden. Sie reichen von der anonymen Jubelanzeige des ersten Poppens bis zum Entledigen verhasster Rekrutenstiefel nach absolviertem Militärdienst. In Österreich darf immer auch an Streiche unter Alkoholisierten und milieubedingte Auffälligkeiten gedacht werden. In manchen Ländern künden hängende Schuhe vom Tod oder dem erfolgten Wegziehen einer Person aus der Nachbarschaft.

Gemeinsam scheint allen Erklärungen zu sein, dass die baumelnden Schuhe den Übertritt ihrer Besitzers in eine andere Welt repräsentieren. An den Schnürsenkeln miteinander verbundene Schuhe werden aber nicht nur über Leitungen geworfen. Auch alleinstehende Bäume erfreuen sich großer Beliebtheit unter Schuhtossern. In den USA sind mindestens 67 solche shoe trees bekannt. Die bekannteste Referenz stammt aus Barry Levinsons Film „Wag the Dog“, wo das Schuhewerfen zu einer landesweiten Patriotismusmanifestation zu Ehren eines (gefakterweise) im Bürgerkriegs-Albanien verschollenen US-Army-Sergeants wird. Der Spitzname des instrumentalisierten „Helden“ William Schumann lautet bezeichnenderweise „Shoe“.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige