Kritik

In den Himmel und auf die Körper schauen

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 31/09 vom 29.07.2009

Über Emmas Oberlippe klebt ein Pflaster, eine Ledermaske verdeckt das Gesicht Albertines, und über das makellose Antlitz Piets läuft ein Bindfaden. Altmeisterliche Motive mit verstörenden Details wie diesen zu versehen, verstand Markus Schinwald schon in vergangenen Arbeiten. Dass er diese Bilder nun auf Stellwänden präsentiert, die wie zuckerwürfelförmige Männchen aussehen, verstärkt die Irritation. High und low prallen hier ästhetisch vollkommen unvereinbar aufeinander. Und wozu eigentlich? Schinwalds Stellwände seien Maskottchen und als „Reflexion über die Populärkultur vor dem Hintergrund der Kunst bzw. Hochkultur zu verstehen“, verkündet der Pressetext. Aber wer redet denn heute noch von dieser Trennung, wo doch die Zeiten, in denen Ausstellungskonzepte wie Funparks aussahen und Vernissagen, bei denen der DJ der beste Künstler war, auch schon wieder passé sind? Schinwald denkt hier über Unterschiede nach, die es – zumindest im Kunstbereich – schon längst nicht mehr gibt.

Wenn es aber darum geht, den Körper in seiner Instabilität zu thematisieren, dann ist er ganz große Klasse. Der Künstler hat hierfür Tische im Chippendale-Stil in ihre Einzelteile zerlegt. An die verrenkten Posen der Protagonisten früherer Foto- und Filmarbeiten schließen die auf einem Holzsockel angeordneten Tischbeine lückenlos an. Ebenso die Möbelfragmente, die in Baumwollsäcken an der Wand hängen und dadurch körperhaft wirken.

Aus Landschaftsbildern vergangener Jahrhunderte hat Schinwald schließlich die jeweiligen Darstellungen des Himmels herausgefiltert. Ein bezauberndes Ensemble, das an die Kunst um 1800 erinnert, in welcher der Himmel zum eigenständigen Sujet avancierte.

Georg Kargl Fine Arts, bis 14.8.(


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