Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 32/09 vom 05.08.2009

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten

Die Stadt als grüne Lounge Europas

„Statt Krise und Kopfweh setzen wir auf Bagger und Schaufel!“ Landesrätin V.

Die Menschen reden zu dieser Jahreszeit gerne davon, dass sie den Kopf frei kriegen wollen. Recht haben sie. Schließlich werden die Köpfe im Rest des Jahres ziemlich rücksichtslos zugemüllt: Der Aufschwung muss in den Köpfen stattfinden (sagt der Landesrat), Sex findet im Kopf statt (sagt ein Kulturredakteur), und Stacheldraht wird auch im Kopf auf- oder abgebaut (sagt wieder die ÖVP, während die SPÖ den Kopf frei für ihren Gegner kriegen will: die ÖVP). Kurz: alles, was in echt nicht stattfindet. Klar kriegt man da Kopfweh. Man könnte baden gehen oder sich in ein Café setzen. Nur: Da, wo früher einmal Cafés waren, befinden sich jetzt Lounges. Fette Sofas, teure Drinks, blöde Chefs. Man kann daher mit Recht sagen, dass Graz total verlounget ist. Und neben der Bonsaiisierung der Öffentlichkeit ist die Verloungeung ein Missstand, der (noch) nicht in den Köpfen der Menschen angekommen ist, ähnlich wie die Tatsache, dass wir Regionalliga spielen. Ursprünglich sollten Lounges Wartezeiten erträglicher machen, wenn Leute von A nach B wollten. Deshalb sind Lounges zwar gemütlich, aber jeder, der sich in ihnen aufhält, muss die ganze Zeit belegen, dass er/sie unbedingt noch wohin will in seinem Leben. Zum Beispiel nach Eisenstadt oder New York. Dort will man dann nicht mehr weg.


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