Kritik

Poetisch und verschlüsselt

Lexikon | Manisha Jothady | aus FALTER 33/09 vom 12.08.2009

Mit beispielloser Konsequenz ist Cy Twombly einen Weg fernab gehypter Tendenzen gegangen. Das Werk des seit den 50ern in Italien lebenden Amerikaners wurzelt zwar im Action-Painting, hat sich aber schon bald von dessen robuster Dramatik distanziert. Seine komplexe Malerei voller Anspielungen ist nicht leicht zu dechiffrieren. Inspiriert von Graffiti sowie Kritzeleien von Kindern und Erwachsenen auf Türen und Wänden, entwickelte er eine unverwechselbare Bildsprache, in der sich seine Faszination für die Antike ebenso widerspiegelt wie die für die mediterrane Landschaft.

Heute gilt Twombly als einer der bedeutendsten und feinsinnigsten Künstler der Gegenwart. Doch das war nicht immer so. 1964 stellte der New Yorker Galerist Leo Castelli seine kalligrafischen Bilder aus und verkaufte kein einziges. 1977 nahm Twombly an der „documenta 6“ in Kassel teil. Doch als er sein Schaffen 1979 im Whitney Museum in New York zeigte, konnten die amerikanischen Kritiker mit der introvertierten Chiffrenkunst des Malerpoeten nur wenig anfangen: Zu europäisch, zu lyrisch, zu verschlüsselt, nörgelten viele. Erst 15 Jahre später und ein paar Blocks weiter wurde Twomblys Ausstellung im MoMA als grandioser Erfolg gefeiert.

Die Retrospektive im Mumok zeigt neben Malereien, Skulpturen und Zeichnungen auch Twomblys weitgehend unbekannte Fotografien. Sie unterstreicht durch dieses Nebeneinander unterschiedlicher Medien auf hervorragende Weise jene Überschneidungen, die sein Schaffen insgesamt bestimmen: das Zeichnerische in den Gemälden und das Malerische in den Arbeiten auf Papier und Skulpturen. Die Fotografie scheint dabei als geeignetes Mittel, das eigene künstlerische Tun zu reflektieren. Mumok - Museum Moderner Kunst, bis 26.10.


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