Neu im Kino

Schauder für die ganze Familie: „Coraline“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 33/09 vom 12.08.2009

Der Vorspann zeigt eine metallene Klaue beim Hantieren mit Puppen. Dieses Bild technisch gestützter Handarbeit darf man emblematisch verstehen: „Coraline“ entstand im aufwendigen Stop-Motion-Animationsverfahren, in dem Einzelkader für Einzelkader mit Puppen in echten Dekorationen abfotografiert werden.

Es spricht für das Team um Regisseur Henry Selick („The Nightmare Before Christmas“), dass beim Zuschauen trotzdem kaum Zeit bleibt, um über den enormen kleinteiligen Aufwand nachzudenken, der nötig gewesen sein muss, um Horden von Fledermaushunden oder Nuancen im Gesichtsausdruck der Hauptfiguren in Bewegung zu setzen. Dazu funktioniert „Coraline“, entstanden nach der Kinderbuchvorlage des prominenten Fantasy-Autors Neil Gaiman, einfach zu bündig und unmittelbar als Gruselmärchen.

Nach einem Umzug findet die junge Coraline Jones eine Tür, durch die sie nachts in eine bessere, buntere Parallelwelt gerät, in der ihre Eltern Zeit für sie haben, anstatt berufsbedingt am Computer festzuhängen. Aber das Idyll erweist sich als Falle: In der anderen Welt darf Coraline nur bleiben, wenn sie ihre Augen gegen Knöpfe austauschen lässt.

Dass „Coraline“ in Österreich auf die Woche genau 70 Jahre nach der Weltpremiere des „Wizard of Oz“ anläuft, ist ein schöner Zufall: Mit seiner feinen Balance aus detailverliebtem Witz, grenz-psychedelischen Schauwerten (wahlweise in 3 D) und schlauem Spiel mit Kindheitsängsten gehört Selicks Film zu den raren legitimen Erben dieses Popkultur-Urtextes. Die düstere Schlagseite der Erzählung könnte Kinder vor Volksschulalter verstören, dafür lohnt sich definitiv auch ein Kinobesuch ohne Minderjährige.

Ab Fr in den Kinos (OF im Artis)


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