Noch im Kino

Melo der Eigentlichkeit: „Ich habe sie geliebt“

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 33/09 vom 12.08.2009

Die Erinnerung an die große, verwehte Liebe kann ein schmerzhafter Triumph sein über die Gleichförmigkeit der eigenen Existenz, eine Vergewisserung, dass das Herz einmal eine heroische Epoche erlebte, in der es über die Kleinmütigkeit hinauswuchs. Ebenso kann sie ein Alibi sein, eine Rechtfertigung für die verfehlte Hingabe an das eigentliche Leben, in dem man sich längst nicht mehr oder gar nie zuhause fühlte.

Wenn der Unternehmer Pierre (Daniel Auteuil) eines Nachts seine Liebe zu Mathilde (Marie-Josée Croze) beschwört, lassen sich Verklärung und Gewissensbisse kaum voneinander trennen. Das berauschende, traurige Spiel mit der Liebe als Ausnahmesituation musste sich der Prüfung des Alltäglichen nie aussetzen; es durfte ein wehmütiger Stachel im Fleisch bleiben. Es ist eine merkwürdige Anordnung von Trost und Katharsis, die die Schauspielerin Zabou Breitman aus dem Roman von Anna Gavalda in ihre dritte Regiearbeit, „Ich habe sie geliebt“ (im Original: „Je l’aimais“), übertragen hat: Als die Schwiegertochter von seinem Sohn verlassen wird, bietet der Vater ihr Zuflucht in seinem Chalet in den Alpen. Ist es Fürsorge, aus der heraus er seiner Schwiegertochter ein Einfallstor in die unantastbare Festung der Familie eröffnen will?

Die Herausforderung an Aufmerksamkeit und Empathie, die dieser Stoff darstellt, nimmt Breitman nur halbwegs an; ihre inszenatorische Sensibilität steht Claude Lelouch näher als Claude Sautet. Aber nicht nur dank Daniel Auteuil gelingen ihr unvergessliche Szenen: die Herzensrohheit, mit der Pierre es zum Bruch kommen lässt, das unverhoffte Geständnis seiner Sekretärin und vor allem der kühne Drehbuchkniff, der romantischen Rückblende die Eröffnung der Ehefrau voranzustellen, die von seiner Affäre wusste, aber ihr gemeinsames Leben auf keinen Fall aufgeben will.

Weiterhin in den Kinos (OmU im Votiv)


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