TheaterKritik

Wohlwollende Nostalgie: Grazer Karl tut nicht weh

Steiermark | Herwig Höller | aus FALTER 33/09 vom 12.08.2009

Viele Rezepte führen zum Erfolg, aber in der Popkultur der letzten Jahren fällt vor allem eines auf: Man nehme eine erprobte Vorlage und produziere eine Coverversion. Massenmediale Aufmerksamkeit ist garantiert, dabei müssen sich die jeweilige Remakes – so illustriert das Beispiel DJ Ötzi – nicht einmal besonders originell sein.

Regisseur und Schauspieler Wolfgang Dobrowksy will und kann nicht mit Ötzi und Co verglichen werden. Die aktuelle Sommerproduktion von Steinbauer & Dobrowsky funktioniert aber ähnlich wie so manche Ötzi’sche Coverversion. Helmut Qualtingers und Carl Merzens Theater- bzw. Kabarettmonolog „Der Herr Karl“ (1961) zählt zu den Superhits der Nachkriegskultur, jeder Reinszenierung garantiert Aufmerksamkeit.

Dobrowsky gibt seinen Karl mit steirischem Zungenschlag, macht den notorischen Parteiwechsler („I war unbeständig, i war ein Falter“) zu einem gebürtigen Grazer, den es in die Bundeshauptstadt verschlägt. Bisweilen legt dieser Karl Schellacks auf, ansonsten bleibt das Setting in einem Innenstadthof minimalistisch. Neu ist auch, dass sich die Figur bei historischen Details vom Publikum helfen lässt: Wann hat noch einmal der Justizpalast gebrannt?

Fast 50 Jahre nach seinem Entstehen bleibt der Monolog – auch in der aktuellen Inszenierung – äußerst unterhaltsam. Nur kann Dobrowsky leider nicht verhindern, dass das ursprüngliche kritisch-verstörende Potenzial weitgehend verfliegt. Hatte Qualtinger den Österreicher seinerzeit als kleinbürgerlichen Opportunisten vorgeführte, das tat auch weh, macht sich in Graz wohlwollende Nostalgie breit. Und so mancher Pausendialog fügt sich nahtlos-distanzlos in das Stück. Zwei ältere Damen. Die eine: „Ich war kürzlich am Naschmarkt in Wien.“ Die andere: „Da sind aber schon viele Ausländer.“

Hof am Karmeliterplatz 5, Graz, Fr, Mo, Di, Mi, Do 20.00


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